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Die meisten schauten Synagogenbrand zuErinnerung mit Ausstellungen, Kino und Theater

Die meisten schauten Synagogenbrand zuErinnerung mit Ausstellungen, Kino und Theater

Saarbrücken. Ja, in der Nacht zum 10. November 1938 habe es eine Gruppe von Juden gegeben, die nur notdürftig bekleidet mitten in der Nacht zum Schlossplatz getrieben wurden. Als die Synagoge schon brannte und von der Feuerwehr als nicht mehr zu retten eingestuft wurde, erinnerte sich ein Saarbrücker Kaufmann

Saarbrücken. Ja, in der Nacht zum 10. November 1938 habe es eine Gruppe von Juden gegeben, die nur notdürftig bekleidet mitten in der Nacht zum Schlossplatz getrieben wurden. Als die Synagoge schon brannte und von der Feuerwehr als nicht mehr zu retten eingestuft wurde, erinnerte sich ein Saarbrücker Kaufmann.

Ja, einigen hatte man Trommeln um den Hals gehängt und Schellen in die Hand gedrückt, damit sie ihre Gebete "musikalisch begleiten" konnten.

Und ja, er habe die Gruppe begleitet, sagte der Kaufmann knapp elf Jahre später vor Gericht. Er sei der Gruppe auf dem Weg zur Geheimen Staatspolizei (Gestapo) zufällig begegnet und habe sie als unbeteiligter Zuschauer begleitet.

Der Kaufmann, der im Sommer 1949 vom Richter der Saarbrücker Strafkammer vernommen wird und seine Unschuld beteuert, war in jener Nacht, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten und Juden durch die Straßen getrieben wurden, SS-Obersturmführer.

Er sei nicht nur nicht beteiligt gewesen an dem, was in der Reichspogromnacht geschah, beteuerte der Mann, er habe auch noch einen SS-Mann davon abgehalten, einen Juden zu misshandeln.

Ein Studienrat, ein Dekorateur, ein Friseur, ein Verwaltungssekretär, ein Kaufmann - sie waren als Saarbrücker SS-Funktionäre dabei, aber gewesen seien sie "es" nicht.

Erster Brand am Nachmittag

"Es" begann am Nachmittag des 9. November. Saarbrücker, deren Namen nie festgestellt wurden, drangen in die Synagoge an der Ecke Futter-/Kaiserstraße ein und zündeten die Holzverkleidung an. Jemand informierte die Polizei. Die kam. Und zwei Polizisten löschten die kleineren Brände mit Tüchern und Kleidungsstücken. So haben es Marion Müller-Knoblauch und Gernot Tybl in ihrer Dokumentation zum Novemberpogrom in Saarbrücken vor 20 Jahren beschrieben.

Nach Mitternacht haben Saarbrücker Nationalsozialisten dann einen weiteren Anschlag auf die Synagoge verübt. Der Altar wurde zerschlagen, die Synagoge angezündet. Die Gestapo hatte von Berlin aus zwar angeordnet, die in ganz Deutschland brennenden Synagogen nicht zu löschen.

Als bei der Saarbrücker Berufsfeuerwehr der Brandalarm ausgelöst wurde, schickte der Oberbrandmeister dennoch einen Löschzug los. SS-Männer hätten den Feuerwehrmännern zugeredet, den Brand nicht zu löschen. Der Brand sei so stark gewesen, dass die Synagoge nicht mehr zu retten gewesen sei, berichtete ein Feuerwehrmann später. Es sei nur noch darum gegangen, dass sich das Feuer nicht auf die umstehenden Häuser ausweitet.

Auch wenn zumindest einige Polizisten am 9. und 10. November 1938 versuchten, ihre Pflicht zu tun und den Saarbrückern jüdischen Glaubens zu helfen - die große Masse der Saarbrücker schaute zu und schwieg. Dass die Synagoge niedergebrannt und Juden öffentlich gedemütigt wurden, sorgte nicht für Protest.

"Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche unterließen es, den Pogrom anzuprangern. Die Presse war zu jener Zeit so ,braun' eingefärbt, dass niemand eine kritische Auseinandersetzung mit den Vorfällen ernsthaft erwartete", schreiben Marion Müller-Knoblauch und Gernot Tybl in ihrer Dokumentation.

Knapp zwei Jahre später wurden die Saarbrücker Juden, die nicht geflohen waren, in verplombte Eisenbahnzüge gesperrt. 1150 aus der "Saarpfalz" traten eine Reise an, die für die meisten von ihnen in einem Konzentrationslager endete.

Staatsanwalt ermittelte

Gegen 89 Personen hat die Saarbrücker Staatsanwaltschaft nach dem Krieg wegen des Pogroms am 9./10. November ermittelt. Zwei von ihnen waren hochrangige SS-Führer, und sie sind durch Militärgerichte wegen anderer Verbrechen zum Tode verurteilt worden.

Acht Beschuldigte sind im Krieg gefallen oder eines natürlichen Todes gestorben, bevor der Prozess begann. 21 Beteiligte galten als vermisst oder waren nicht unauffindbar.

Bei 36 Personen wurde das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt. Gegen 22 Personen wurde Anklage erhoben wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, unterlassener Hilfeleistung, Nötigung, Brandstiftung, Diebstahl und Sachbeschädigung.

Das Landgericht verhängte 1950 nach einem Berufungsverfahren Gefängnisstrafen zwischen zwei und 15 Monaten. Marion Müller-Knoblauch und Gernot Tybl haben dokumentiert: "Letztendlich verbüßten nur vier Angeklagte Haftstrafen, die auf Grund von bewilligten Gnadengesuchen sechs Monate und weniger betrugen. Ein neues Amnestiegesetz vom 23. 12. 1952 erließ allen Verurteilten den Rest ihrer Bewährungszeit."

Die Dokumentation zum Novemberpogrom in Saarbrücken gibt es für 2,60 Euro im Stadtarchiv, Telefon (0681) 905-1258, E-Mail stadtarchiv@saarbruecken.de

Saarbrücken. Zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht in Saarbrücken sind neben dem Mahngang am Samstag viele andere Veranstaltungen geplant: Die Synagogengemeinde Saar lädt für Sonntag, 9. November, zu einer Gedenkveranstaltung in die Synagoge am Beethovenplatz ein. Um 17 Uhr stellt das Adolf-Bender-Zentrum seine neue Ausstellung "Was geschah am 9. November 1938?" vor. Um 18 Uhr beginnt die offizielle Gedenkstunde. Es sprechen Richard Bermann, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, und Oberbürgermeisterin Charlotte Britz. Anschließend ist ein Gebet mit Kantor Benjamin Chait und dem Organisten Joachim Seip. Jugendliche werden Texte vortragen, die in den Konzentrationslagern entstanden sind. Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es eine Lichtprojektion an der Fassade der Synagoge. Um 20 Uhr werden die Glocken der Saarbrücker Kirchen zum Gedenken läuten.

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten lädt zusammen mit der Peter-Imand-Gesellschaft und der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Samstag, 8. November, von 11 bis 14 Uhr, zu einer Mahnwache an der Ecke Bahnhof-/Futterstraße ein.

Mit einem "Night Prayer" gedenkt die katholische "Kirche der Jugend" gemeinsam mit der evangelischen Jugendkirche in Saarbrücken der Reichspogromnacht. Die Gedenkveranstaltung findet am Samstag, 8. November, 21 bis 22 Uhr, in der Alten Kirche St. Johann statt.

Die "Projekttage für Demokratie und Courage" des Technisch-gewerblichen Berufsbildungszentrums Mügelsberg starten am Freitag, 7. November, 11.30 Uhr, in der Aula mit einer Gedenkveranstaltung.

Festredner ist der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann. Das Theater im Viertel, der Deutsch-Ausländische Jugendclub (DAJC), das Café Exodus, das Kino achteinhalb und das Saarländische Filmbüro haben eine Veranstaltungsreihe zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht organisiert. Die Ausstellung "Die Flucht nach Europa" im Kultur- und Werkhof, Nauwieser Straße 19, ist bis 13. November jeweils montags bis samstags von 15 bis 18 Uhr zu sehen. Am 7. November, 20 Uhr, zeigt das Kino achteinhalb den Spielfilm "Drachenläufer". Am Donnerstag, 6. November, 16 Uhr, können Jugendliche im DAJC (Johannisstraße 13) mit Menschen sprechen, die selbst in den Jahren der Nazi-Diktatur Jugendliche waren.

Am 6. und 7. November, jeweils um 20 Uhr, wird im Theater im Viertel (Nauwieserstraße 13) "Mutters Courage" von Georges Tabori aufgeführt. Am Samstag, 8. November, 20 Uhr, gibt es im Theater ein Konzert der "Global shtetl Band". Am Montag, 10. November, 20 Uhr, sucht Professor Norbert Gutenberg von der Saar-Universität im Theater im Viertel Antworten auf die Frage: Wie konnte es überhaupt zum NS-Regime in Deutschland kommen?

Am Dienstag, 11. November, 20 Uhr, zeigt das Kino achteinhalb den Dokumentarfilm "Heim ins Reich". Am Mittwoch, 12. November, 17 Uhr, referiert Rechtsanwalt Bernhard Dahm vom Saarländischen Flüchtlingsrat über die Einsätze der Grenzschutzagentur Frontex der Europäischen Union im Kultur- und Werkhof Nauwieser 19. Am 14. November, 19 Uhr, endet die Reihe mit einer Diskussion im Café Exodus (Johannisstraße 9). Das Motto: " Reichspogromnacht? - Häh?" ols

 Der Davidstern in der heutigen Synagoge. Foto: SZ
Der Davidstern in der heutigen Synagoge. Foto: SZ