„Die Kinder fühlen sich als was Besonderes“

Ab dem kommenden Schuljahr soll Inklusion an saarländischen Schulen zur Regel werden. Eine Infoveranstaltung widmete sich nun Fragen, die sich Eltern und Lehrer stellen. Betroffene berichteten über ihre Erfahrungen.

Wie wird mein Kind mit Förderbedarf auf einer Regelschule betreut? Wer kümmert sich um die höheren Bedürfnisse? Welche Formalien müssen beachtet werden? All diesen Fragen widmete sich der Infoabend "Integration in der Schule", den der Vereine Miteinander Leben Lernen (MLL) kürzlich in seinen Räumen im Eschberger Weg zum 20. Mal organisierte. Zum Schuljahr 2014/15 soll ein neues Schulgesetz dafür sorgen, dass Inklusion an saarländischen Schulen zum Regelfall wird. Die Reaktion der Besucher zeigte, es herrscht, besonders bei Eltern, Unsicherheit. "Doch die Veranstaltung soll Mut machen", Kinder mit Förderbedarf in Regelschulen zu schicken, betonte Traudel Hell vom MLL.

Vor über zwei Jahren stand auch Monika Stein vor der Entscheidung: Ihre achteinhalbjährige Tochter Antonia ist "geistig und körperlich behindert, sie kann nicht sprechen", vor allem aber ist sie "lebhaft, fröhlich und offen".

Mittlerweile besucht Antonia die zweite Klasse der Grundschule Scheidt. Vor der Einschulung hatte sich die Mutter "viele Sonderschulen angeschaut". Doch dort seien "die Kinder wie in einer Blase. Ich wollte, dass Antonia Normalität erfährt". Heute kümmern sich neben der Klassenlehrerin, Angelika Münster-Biel, auch Förderschullehrerin Christine Walz "mit einer Integrationshilfe, die immer bei Antonia ist und im Unterricht eine große Entlastung bedeutet", um die Integration, so die Klassenlehrerin. Sie riet den anwesenden Lehrerkollegen, vorab Gespräche zu führen "mit den Eltern, den Erziehern im Kindergarten" und Kennenlern-Treffen für die Kinder zu veranstalten. In der Schule sei es dann wichtig, Unterrichtselement zu schaffen, die die Stärken des Kindes bedienen: Antonia, sagt sie, singe gern, habe Rhythmusgefühl und viel Spaß, wenn sie mit ihren "Lauten beim Morgenkreis mitsingt". Außerdem habe ihre Klasse "als einzige Klasse die Gebärdensprache eingeführt. Die Kinder fühlen sich als etwas Besonderes. Und ich habe festgestellt, dass die Kinder - dank Antonia - ihre sozialen Kompetenzen stärken: Sie sind einfühlsamer, verständnisvoller." Vier Stunden in der Woche arbeitet Förderschullehrerin Walz, die sich in sechs verschiedenen Klassen um die Kinder mit Förderbedarf kümmert, mit Antonia und fördert sie individuell.

"Lächerlich wenig", befand eine Mutter. Mehr habe aber der Förderausschuss nicht festgelegt. Das neue Schulgesetz, so hofft man, "soll bei der Budgetierung der Förderstunden mehr Flexibilität bringen", so Anett Sastegs-Schank von der Landeskommission für Integration. Um die UN-Behindertenkonvention umzusetzen, muss sich an den Grundschulen einiges ändern: Eine der vielen Neuerungen sieht vor, dass die Verweildauer in den Klassen eins und zwei zwischen einem und drei Jahren betragen kann, informierte Sastegs-Schank, der "erstmalige Versetzungsentscheid" stehe dann in der Klassenstufe drei an.

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HintergrundSeit Inkrafttreten der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen im Jahr 2009 haben behinderte Kinder das Recht, in Regelschulen eingeschult zu werden. Das saarländische Bildungsministerium arbeitet derzeit an einem neuen Schulgesetz, das für das kommende Schuljahr 2014/15 in Kraft tritt und Inklusion nach der UN-Behindertenkonvention dann zum Regelfall macht. Derzeit besuchen im Saarland 2947 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule; 3516 von ihnen dagegen eine Förderschule. Künftig sollen alle Kinder zur wohnnahen Grundschule gehen. ceg