„Die Jugendämter lassen uns hängen“

Bis zu 70 unbegleitete minderjährige Ausländer werden künftig auf dem Schaumberger Hof für kurze Zeit in Obhut genommen. Nach einer ersten Prüfung sollen sie dann verteilt werden – auch auf andere Bundesländer.

Sechs bis acht unbegleitete jugendliche Flüchtlinge kommen derzeit jeden Tag im Saarland an - in Spitzenzeiten waren es 40. Von 1. Februar an übernimmt das Landesamt für Soziales von den Jugendämtern der Kreise die vorläufige Inobhutnahme für neuankommende und unbegleitete minderjährige Ausländer (umA). Im Therapiezentrum Schaumberger Hof in Tholey soll dem Sozialministerium zufolge der "Verein Hilfe für Junge Menschen Saar" die Trägerschaft für Unterbringung sowie Verpflegung übernehmen. Um die medizinische und pädagogische Betreuung wird sich die Saarland Heilstätten GmbH (SHG) kümmern (wir berichteten). In der Einrichtung sollen bis zu 70 Kinder und Jugendliche untergebracht werden und nur wenige Tage bleiben, bis das sogenannte Vorclearing abgeschlossen ist. Sie werden medizinisch untersucht, und es wird geprüft, ob sie eventuell bei Verwandten untergebracht werden können. Sie sollen schnell auf andere Bundesländer verteilt werden - bevor sie sich hier heimisch fühlen.

Im Saarland leben aktuell 1307 alleinreisende jugendliche Flüchtlinge - bundesweit sind es 68 100. Damit habe das Saarland 500 mehr aufgenommen als es nach dem Verteilungsschlüssel müsste. Daher sollen alle ab 1. November angekommenen umA in andere Länder verteilt werden.

Soweit die Theorie. Doch tatsächlich kommt die Übergabe der 386 seit November angekommenen Jugendlichen weiterhin nur schleppend voran. "Auch weil die aufnehmenden Bundesländer noch keine ausreichenden Aufnahmekapazitäten geschaffen haben", so das Ministerium. Bisher seien 120 umA zur Weiterleitung angemeldet - 70 tatsächlich verteilt worden - überwiegend nach Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen (Stand 29. Januar). Die Weiterleitung müsse binnen eines Monats erfolgen. Ist diese Frist verstrichen, blieben die Jugendlichen im Saarland, da sie dann Bindungen aufgebaut hätten und eine Verteilung dem Kindeswohl widerspreche. Deshalb oder weil Verwandtschaftsverhältnisse vorlagen, konnten 251 Jugendliche nicht verteilt werden. "Hier lassen uns die Jugendämter in den zugewiesenen Ländern hängen", sagt Sozial-Staatssekretär Stephan Kolling (CDU ).

An dem Konzept, dass nun das Land statt bisher die Jugendämter der Kreise für die vorläufige Inobhutnahme zuständig ist, hatte es teils heftige Kritik von Parteien und von Verbänden gegeben - auch an der Art der Unterbringung. Sie monierten etwa, dass die Jugendlichen die Einrichtung nur unter Sicherheitsaufsicht verlassen dürfen. Das behindere ihre Integration. "Die Empörung war politisch motiviert und nicht berechtigt", teilt das Ministerium mit. "Da sich die umA in einer für sie völlig fremden Umgebung aufhalten, häufig weder die Sprache noch die Schrift verstehen und sich auch nur kurze Zeit auf dem Schaumberger Hof aufhalten, ist die Begleitung zum Schutz der Jugendlichen vorgesehen." Auch deutsche Minderjährige würden in fremden Gegenden begleitet. Mit dem Betreuungskonzept werde auch dem "subjektiven Sicherheitsbedürfnis" der Bürger Rechnung getragen. Die hohe Akzeptanz für die Einrichtung bleibe nur erhalten, wenn beide Seiten sich sicher fühlten.

In Tholey sollen gesondert auch weibliche umAs untergebracht werden. Auch das war kritisiert worden. Seit dem 1. November seien im Saarland 16 junge unbegleitete Frauen angekommen. Kolling verteidigt das Konzept: "Unser Vorclearing-Modell ist bundesweit auf großes Interesse gestoßen." Auch andere Länder überlegten, dieses Konzept mit Teams aus Sozialarbeitern, Ärzten und Fachkräften auf Landesebene anzusiedeln. Das Saarland plant laut Kolling ein Gastfamilienprogramm für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge : "Gastfamilien bieten die Chance einer guten Integration der Jugendlichen in unsere Heimat."

Zum Thema:

Auf einen BlickEhrenamtliche können sich in der neuen Einrichtung in Tholey engagieren - etwa in der Sport- und Freizeitbetreuung. Kontakt bei der Koordinationsstelle unter Tel. (06 81) 501 22 23 oder per E-Mail: fluechtlingshilfe@saarland.de. ukl