Die Geduld ist aufgebraucht

Kinder verpassen gerade einen Teil ihrer Kita-Zeit. Viele Aktionen fallen dem Streik zum Opfer. Eltern hangeln sich von einer Notlösung zur nächsten. Und die Toleranz der Arbeitgeber erreicht auch ihre Grenzen.

Der Organisationsaufwand wächst, je länger der Kitastreik andauert. Auf eine Notlösung folgt die nächste, Arbeitgeber beginnen, Kinder von Kollegen aus den Büros zu verbannen. Allmählich übersteigt der Streik die Toleranzgrenzen aller Betroffenen. Und immer mehr wird klar, wie groß die Lücke ist, wenn die Erzieher nicht arbeiten.

"Omas sind aufgebraucht, Freunde sind aufgebraucht, Urlaubstage und Überstunden auch." So drückt es Barbara Kunz aus, die Gesamtelternvertreterin der derzeitigen Not-Kita in Burbach. Dort ist die Mutter momentan täglich im Austausch mit Eltern und erlebt, "wie groß die Not ist".

Immer dringlicher werde die Rückkehr der Erzieher vor allem für zwei Gruppen von Kindern, berichtet sie. Gerade in Burbach, einem "sozialen Brennpunkt" und wo es "viele Kinder mit besonderem Förderbedarf" gebe, sei es wichtig, dass die Kinder weiter unterstützt werden. Viele Migrantenfamilien "bekommen es derzeit nicht hin, Notplätze zu organisieren". Diese Kinder blieben einfach zuhause, so erzählt sie von ihren Erfahrungen während der Streikzeit. Voll besetzt seien die Not-Kitas derzeit nicht, berichtet Stadtpressesprecher Thomas Blug. Die Auslastung betrage in den Kitas 70,56 Prozent und in den Krippen 68,56 Prozent.

Besonders vom Streik betroffen sind laut Kunz Kinder, die bald in die Grundschule wechseln. Lehrerbesuche in den Kindergärten, um die Kleinen auf die Schule vorzubereiten, fielen nun aus. Und diese Erfahrungen sind laut Kunz für die Kinder unwiederbringlich. Je länger der Streik dauere, desto enger werde das Zeitfenster, in dem besondere Aktivitäten stattfinden können. "Wir schleppen die Probleme in die Schule rein", sagt die Elternsprecherin.

An der Max-Ophüls-Grundschule falle derzeit die sonst von Erziehern geleistete Nachmittagsbetreuung weg, die maximal bis 18 Uhr dauere. Und zudem entfalle das Mittagsessen, bei dem Erzieher dabei seien, erklärt Sabine Janowitz, die stellvertretende Vorsitzende des dortigen Fördervereins. Nach dem Unterricht "ziehen die Lehrer die Hausaufgabenbetreuung vor, und dann haben sie auch früher Schluss". Um 13.30 Uhr müssen die Kinder dann abgeholt werden.

Aus der Schule raus soll außerdem das Kleinkind eines Lehrer-Ehepaars aus Saarbrücken . Der elf Monate alte Sohn durfte in den vergangenen Wochen im Wechsel mit Mama oder Papa in deren Klassen, wurde dort beschäftigt, während ein Elternteil "versuchte, Unterricht zu machen", erzählt Lennart Barkowski.

Seiner Frau habe die Schulleitung jedoch nun signalisiert, dass die Anwesenheit eines Babys auf Dauer "nicht zielführend" sei. Für die Eltern sei die Situation "sehr unangenehm", auch weil "Kollegen darunter leiden", die "permanent Vertretung machen müssen", sagt der Vater. Den Kleinen mit in den Unterricht zu nehmen sei natürlich kein Zustand: die vielen Menschen, der Geräuschpegel und auch die neuen, anderen Bakterien. Dreimal sei der Sohn krank gewesen. Hinzu komme, dass der Kleine zuvor erst seine Eingewöhnungsphase in der Kita Bruchwiese gehabt habe.

Nach dem Streik "können wir wieder von vorne anfangen", klagt der Vater. Nun, da der Sohn nicht mehr mit auf die Arbeit gehen soll, bezahlen die Eltern eine Tagesmutter für den gesamten Juni. Und zwar 1000 Euro bei in der Regel sechs Stunden am Tag, erzählt Barkowski - Geld, das eigentlich für einen Urlaub vorgesehen war.

Der Streik geht seiner Meinung nach in die falsche Richtung. Es sei ein "Schmerz, der über andere Ecken beim Arbeitgeber ankommt", und zwar über den Druck, den belastete Eltern zusätzlich zu den Erziehern machen. Barkowski sagt: "Es muss schneller gehen. Weil andere bluten." Die Freien Demokraten im Stadtrat der Landeshauptstadt Saarbrücken unterstützen den Wunsch der vom Streik betroffenen Eltern auf eine Rückerstattung der während des Streiks gezahlten Kita-Beiträge. "Die Stadt spart Betriebskosten und Löhne, während sich Eltern streikbedingt um eine Betreuungsalternative für ihre Kinder kümmern müssen. Eine Einbehaltung der gezahlten Gebühren erscheint dadurch mehr als unangebracht", sagt Tobias Raab, der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Stadtratsfraktion.

Die Freien Demokraten loben die Stadt, weil sie Eltern ermöglicht, die Kitas während des Streiks in Eigenregie zu nutzen. Dennoch müsse die Stadt aus der derzeitigen Streiklage und der damit verbundenen Debatte über die Rückererstattung der Kita-Beiträge lernen.

Die FDP-Fraktion fordert einen Rechtsanspruch der Eltern auf die Rückerstattung der Beiträge. Um das zu ermöglichen, sei die Benutzungssatzung für die Kindertageseinrichtungen der Landeshauptstadt zu ändern.

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