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Der Unbekannte von nebenan

Zusammen ist man weniger alleine – ein Grillfest unter Nachbarn ist eine gute Gelegenheit, sich kennenzulernen.
Zusammen ist man weniger alleine – ein Grillfest unter Nachbarn ist eine gute Gelegenheit, sich kennenzulernen. FOTO: Fotolia
Saarbrücken. Auf der Internetseite nebenan.de lernen sich Nachbarn eines Stadtteils kennen. Fünf Saarbrücker Nachbarschaften haben sich schon angemeldet. Die St. Arnualer tauschen sich bereits fleißig aus. Patricia Heine

Wir hören seine Klospülung. Seine Schritte. Sein Lachen. Sein Gesicht kennen wir nicht. Er wohnt nebenan, obendrüber, untendrunter. Wir kennen ihn nicht. Unseren Nachbarn .


Ralph und seine Familie haben 20 Jahre auf dem Land gewohnt. Da kannte sich jeder. Als er vor fünf Jahren nach St. Arnual gezogen ist, gab er das Grüßen der Nachbarn schnell auf. Es kam nichts zurück. Jetzt versucht er es nochmal. Auf nebenan.de. Das ist eine Internetseite, auf der Nachbarn eines Stadtteils in Kontakt treten können. St. Arnual hat den Anfang in Saarbrücken gemacht. In den letzten Tagen haben sich 109 Bewohner auf der Seite angemeldet. In einem Forum tauschen sie sich aus. Gisela bietet Französisch-Kurse an, Ralph Hilfe beim Ver- und Ankauf, Gisela als Katzenbetreuerin. Eine Tagesmutter hat noch einen Platz frei, Elisabeth sucht ein Haus. Aber wer will, kann auch persönliche Nachrichten an seine Nachbarn schreiben, eine Gruppe gründen oder eine Veranstaltung erstellen. Um sicher zu gehen, dass sich auch wirklich nur Bewohner des Stadtteils anmelden, müssen sie bei der Registrierung einen Code eingeben. Den finden sie auf einer Einladung im Briefkasten. Aber sind die Saarbrücker wirklich so kontaktfreudig? Ralph ist sich nicht sicher: "Ich befürchte, dass dieses Forum irgendwann ermüdet, weil die meisten Anwohner anonym leben wollen."

Aber nebenan.de/St. Arnual hat Wellen geschlagen. In den Startlöchern stehen gerade die Stadtteile St. Johann-Mitte, das Quartier Mainzer Straße, Alt-Saarbrücken und St. Johann West. Hilfe gibt es von den Betreibern der Internetseite. Sie kommen aus Berlin. Ende 2015 ist ihre Seite erst online gegangen. Zuerst nur in Berlin. Mittlerweile sind über 30 deutsche Städte mit über 1000 Nachbarschaften auf nebenan.de vernetzt. Gewinne machten die Betreiber der Seite bisher keine. Ihr Ziel: den Wert der Nachbarschaft steigern. "Wir waren freudig überrascht, dass das Bedürfnis der Nachbarn näher zusammenzurücken, so groß ist", sagt Ina Brunk, Mitgründerin der Seite. Es gebe viele Menschen, die den Kontakt zur Außenwelt großteils verloren haben, so Brunk. Nebenan.de eine gute Gelegenheit, wieder Anschluss zu finden. Und zwar egal für wen. "Viele junge Familien und über 50-Jährige melden sich an", erzählt Brunk. Die älteste Nutzerin sei 89 Jahre alt.



Dabei ist die Idee, die Saarbrücker Nachbarschaften näher zusammenzubringen, gar nicht neu. Einige ältere Bewohner auf dem Winterberg brachten 2011 den Stein ins Rollen. Sie gründeten das erste "Netzwerk Gute Nachbarschaft", mit Hilfe des Saarbrücker Seniorenbeirats. Ihr Ziel, sich im Alltag bei Problemen und in Notlagen zu helfen. Die Senioren treffen sich regelmäßig, machen zusammen Sport, besuchen kulturelle Veranstaltungen. Dem Winterberg folgten weitere Saarbrücker Stadtteile . Mittlerweile gibt es elf Netzwerke. Und immer noch sprießen neue aus dem Boden. Kürzlich erst am unteren Rotenbühl. Über 100 Bewohner kamen zum ersten Treffen.

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Hintergrund Nebenan.de funktioniert wie ein soziales Netzwerk, allerdings vernetzen sich nur die Bewohner eines Stadtteils miteinander. Den Betreibern der Seite geht es vor allem um Datenschutz. Auf Werbeanzeigen wollen sie verzichten. Die Idee zu der Seite hatte Christian Vollmann. Fast all seine Berliner Nachbarn waren ihm fremd. Also klingelte er einfach bei ihnen. Und bekam viele positive Reaktionen. hep