Der tägliche Horror im Großraumbüro

Das Collectif MxM beleuchtet mit Texten von Falk Richter den Arbeitsalltag zwischen Stress und Effizienzdenken. Das Stück ist jetzt beim Festival Perspectives zu sehen.

Mathias Labelle spielt die Hauptrolle in "Nobody", einem Stück über die Arbeitsbedingungen in einem Großraumbüro, basierend auf collagierten Texten von Falk Richter.

Das Stück, das heute und morgen Abend als Deutschlandpremiere im E-Werk bei den Perspectives läuft, kommt in einer ungewöhnlichen Inszenierungsform daher.

Der Zuschauer beobachtet das Treiben von 14 Akteuren in einem Großraumbüro-Bühnenbild einerseits durch eine große Glasscheibe. Andererseits picken sich zwei mobile Kameras einzelne Szenen aus dem Gesamtgeschehen heraus. Diese werden als Live-Film auf eine Großleinwand über dem Bühnenbild übertragen. Diese "filmische Performance", wie Regisseur Cyril Teste sein experimentelles Format nennt, sei auch für die Schauspieler ein spezielles Erlebnis, sagt Labelle.

"Denn wir spielen auf der Bühne für die Kamera, sie ist wie ein drittes Auge, ein Fremder, der ins Büro eindringt. Und damit sie Momente aus dem Geschehen stehlen kann, müssen wir die ganze Zeit weiterspielen", sagt der Schauspieler.

Das Stück, das Auszüge aus mehreren Richter-Texten wie "Electronic City", "Rausch" und "Unter Eis" als Epizentrum zusammenbringt, erzählt vom Stress, Effizienzdenken, ständiger gegenseitiger Überwachung und der Anonymität, die in diesem Großraumbüro herrscht.

Fühlen sich auch die Schauspieler durch die ständige Kamerabeobachtung etwa mehr gestresst und "überwacht"? "Es ist schon ganz anders für uns als sonst", sagt Labelle. Aber Stress? Nein. Wie sie auf der Bühne agierten, sei sehr durchchoreografiert. "Wir kennen unsere Partitur." Und die sieht laut Labelle vor, dass sich der Leistungsdruck, die Hetze auch auf die Körper(-Sprache) der Büroangestellten auswirkt.

"Anfangs sind sie wie aus dem Ei gepellt, perfekt gekleidet und ohne Schwächen." Wie der Körper eines Kämpfers, der vom Kampf geschwächt werde, löse sich ihr Image, lösten sich ihre Körperhaltungen allmählich auf.

Noch etwas ist anders: Durch die Glasscheibe könne man die Schauspieler auch nicht hören, nur wenn die Kamera sich mit ihrem Mikro auf sie richte. Die Stimme der Hauptfigur Jean Personne, die in diesem Büro in Machtspiele verwickelt wird und zunehmend den Boden unter den Füßen verliert, kommt aus dem Off.

Die Abgeschlossenheit des Büro-Universums wiederum erleben die Schauspieler auf der Bühne auch ganz direkt. "Wir spüren das Publikum sehr wenig. Manchmal können wir sie hören, wissen aber nicht ganz genau, was im Zuschauerraum passiert", erklärt Mathias Labelle. "Es ist schon etwas sehr Hermetisches."

Die 14 Schauspieler, die auf der Bühne mitwirken, kennen sich im wirklich Leben hingegen sehr gut. "Wir haben alle gemeinsam auf der Schauspielhochschule in Montpellier studiert und uns nach dem Abschluss vor drei Jahren zum Kollektiv La Carte Blanche zusammengeschlossen", erzählt Labelle.

Auch Regisseur Cyril Teste und dessen technische Crew, das Collectif MxM kennen sie schon aus ihrer Ausbildung und sind sehr stolz, dass er mit ihrer jungen Truppe zusammenarbeitet.

Das Gastspiel in Saarbrücken ist für den 28-jährigen Labelle auch eine ganz persönlich Premiere. Zum ersten Mal in seinem Leben, erzählt er, trete er hier außerhalb Frankreichs auf.

"Nobody" wird am heutigen Dienstag und morgen, Mittwoch, 7. Mai, jeweils ab 20 Uhr im E-Werk auf den Saarterrassen gespielt. Eintrittskarten gibt es unter Telefon (06 81) 93 86 35 36.

www.festival-perspectives.de