Der Szenetreff am Gotteshaus in der City

Ob an der Saarbahnhaltestelle vor der Johanneskirche oder im Kirchgarten: Seit etwa zwei Jahren befindet sich dort der einzige öffentliche Szenetreff in Saarbrücken. Betroffene schildern ihre Erfahrungen.

"Meine Eltern haben früher immer zu mir gesagt: Halte dich von solchen Leuten fern. Heute bin ich selbst einer von diesen Leuten", sagt Alexander und vergräbt seine Hände tief in den Hosentaschen. Mit "solchen Leuten" meint der 36-Jährige die Szene, die sich seit knapp zwei Jahren täglich an der Johanneskirche trifft. 23 war er, als er zum ersten Mal Heroin konsumiert hat. Als Alexander auf die Welt kam, hing seine Mutter an der Nadel. "Ich war als Säugling schon auf Entzug", sagt er, will das aber nicht als Rechtfertigung verstanden wissen, denn er sei später adoptiert worden, komme aus einem "sehr guten Elternhaus". Nach dem Abitur ging es für ihn wegen der Drogensucht viele Jahre bergab, aber: "Ich hatte seit sechs Jahren keinen Rückfall."

Übermäßiger Alkoholkonsum

Wie Alexander haben oder hatten viele derer, für die der Platz vor der Kirche oder der Kirchgarten zur täglichen Anlaufstelle gehört, Suchtprobleme. "Ich kann nachvollziehen, dass das hier für Passanten oft kein schöner Anblick ist, aber der Platz dient als Treff für zwischenmenschliche Kontakte", sagt Alexander.

Auch Michael hat Verständnis für verärgerte Passanten. Er steht ebenfalls täglich vor der Johanneskirche, trinkt dort sein Bier. "Wir können die Toiletten im Rathaus nutzen. Die meisten tun das auch, aber nicht alle. Leider. Manchmal kommt es hier auch zu Pöbeleien", sagt der 45-Jährige und spricht damit einen Punkt an, der auch Pfarrer Herwig Hoffmann von der evangelischen Kirchengemeinde St. Johann zunehmend Sorge bereitet. "Wir haben überhaupt nichts gegen diese Menschen. Im Gegenteil, unser Kirchgarten steht allen offen. Wir kennen viele persönlich und wissen, dass fast jeder durch Schicksalsschläge an den sozialen Rand gedrängt werden kann ", sagt Hoffmann. Problematisch sei es allerdings, wenn sich bis zu 50 Personen aus der Szene vor allem im Sommer im Kirchgarten treffen. "Dann nehmen die Exzesse überhand. Es kommt zu übermäßigem Alkoholkonsum, auch gespritzt wurde hier schon", sagt er.

Der Kirchgarten werde von den Bewohnern des Nauwieser Viertels gut angenommen, betont Volker Mueller, Vorsitzender des Presbyteriums. Seit es dort allerdings vereinzelt auch zu Gewalttätigkeiten komme, hätten viel Leute Angst. "Das Problem ist bei der Stadt bekannt. Im Juni wurde im Ausschuss für Prävention und Sicherheit angedacht, eine Ausweichmöglichkeit zu schaffen", sagt Mueller. Etwas Konkretes sei nicht dabei rausgekommen. "Wir fühlen uns von der Stadt im Stich gelassen", fügt Pfarrer Hoffmann an.

Konflikte vermeiden

Angelika Kraus vom städtischen Amt für soziale Angelegenheiten hat derzeit keine Alternative parat. "Einen öffentlichen Platz, der überdacht ist und an dem sich Toiletten befinden, können wir nicht anbieten", sagt sie.

Das Thema werde aber im Januar innerhalb der Verwaltung erneut besprochen. "Wir wollen die Leute auch nicht von einem Ort zum anderen jagen. Sie können sich weiterhin an der Johanneskirche aufhalten." Vonseiten der Stadt werde alles getan, um mögliche Konflikte zu vermeiden.

Dazu tragen auch die Mitarbeiter von Caritas, Awo, Drogenhilfezentrum und Diakonie bei, die an der Kirche vor Ort sind und den Kontakt zur Szene suchen. Auch Ulla Frank vom Diakonischen Werk geht regelmäßig dorthin, sucht das Gespräch, erinnert an Termine oder bietet Hilfe an. Diakonie und Caritas befinden sich in der Johannisstraße, das Drogenhilfezentrum ist ebenfalls nicht weit von der Kirche entfernt - Gründe dafür, weshalb sich dort die Szene treffe, sagt Ulla Frank. "Es gibt immer weniger Plätze, an denen diese Menschen geduldet werden", fügt sie an. Ein Treffpunkt sei aber wichtig, denn viele seien schlicht einsam und dankbar für Kontakte zu anderen.

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