Der richtige Schuh für jede Rolle

Saarbrücken. Thomas Seibolds Arbeitsplatz ist ein schmaler, lang gezogener Raum im Labyrinth der Werkstätten des Saarbrücker Staatstheaters. Im hinteren Bereich sind Werkzeuge und schwere Maschinen zu erkennen; das ist die eigentliche Schuhmacher-Werkstatt. Aber gleich am Eingang bleibt man unwillkürlich stehen

Saarbrücken. Thomas Seibolds Arbeitsplatz ist ein schmaler, lang gezogener Raum im Labyrinth der Werkstätten des Saarbrücker Staatstheaters. Im hinteren Bereich sind Werkzeuge und schwere Maschinen zu erkennen; das ist die eigentliche Schuhmacher-Werkstatt. Aber gleich am Eingang bleibt man unwillkürlich stehen. Hohe Regale ziehen den Blick magisch nach oben; darin aufgereiht, gebündelt und in Kisten gestapelt sind unvorstellbare Mengen Schuhe, Stiefel, Schlappen, Sandalen und Pumps.

Alles sieht nach Gebrauch aus, auch die edelsten und wildesten Kreationen darunter. Die Decke in sechs Meter Höhe ahnt man eher, als dass man sie noch erkennt. "Seit Kurzem haben wir da oben Licht", informiert der Herr dieses Zwischenreichs und lächelt aufmunternd. "Jetzt kann man alles schon von unten erkennen." Ach ja? Wohl nur, wenn man weiß, was man sucht. Für Thomas Seibold, der seine Arbeit als Herr der Schuhe am Staatstheater vor 25 Jahren begann, ist das nicht der Rede wert. Aber wie viele Schuhe sind es eigentlich? "Schwer zu schätzen", sagt Seibold vorsichtig, "vielleicht 10 000 Paar. Oder vielleicht mehr."

Ganz exakt weiß Meister Seibold dagegen, wie viele der Exemplare er selbst hergestellt hat: 552 Paare waren es Ende Dezember 2012. Unter den jüngsten Produkten, fast noch werkstattfrisch, sind cremeweiße Lacklederschuhe im "Derbyschnitt" für die Sänger der Operettengala "Lieber reich, aber glücklich". Edel und bezaubernd, klassische Handwerkskunst.

Leder ist Seibolds bevorzugter Werkstoff. Er liebt dieses Material sehr und hat das Gespür, auch Ausgefallenes ausfindig zu machen. Ausgangsform für seine Schuhe sind hölzerne Standardleisten. Die gleicht er mit Fußabdrücken der Schauspieler ab. Kappen, Brandsohlen, Fußbett und all die Einzelelemente, da wird geschnitten, genäht, gehämmert und geschliffen, bis der Schuh perfekt aussieht und, für Seibold das Wichtigste: "bis er richtig gut passt. Die Schauspieler müssen sich ja auf der Bühne darin wohlfühlen." So oft er kann, geht er deshalb zu Proben, um selbst nachzusehen. Auch die Aufführungen besucht er fast alle. Dann aber, sagt er, ist ihm das Theater an sich wichtiger als "seine" Schuhe.

Vorrangig aber kauft Seibold fertige Schuhe ein, sofern Passendes zu finden ist, denn er hält Zeit und Budget zusammen. Oft überarbeitet er auch diese Schuhe noch so, wie es das Kostümbild erfordert: in der Farbgebung, in Details.

Thomas Seibold erzählt eher zurückhaltend von seiner Arbeit. Und doch ist dabei echte Freude zu spüren, noch ein Vierteljahrhundert, nachdem er ans Saarbrücker Staatstheater kam. Nein, er möchte nichts anderes machen, und auch nicht anderswo. Die Herausforderungen, sagt er, sind ständig neu. Und auch wenn schon "drei Zauberflöten" dabei waren, so war doch jede ganz anders. Privat mag Seibold am liebsten Heavy Metal.