„Der neue Pass macht mich freier“

Im Irak des Kriegsverbrechers Saddam Hussein fühlte sich Amad Ghanem unterdrückt und „als Mensch dritter Klasse“. Als er zu Husseins Armee eingezogen werden sollte, floh Ghanem nach Deutschland.

Früher hat sich Amad Ghanem (32) oft gefragt, warum er ausgerechnet als Kurde im Irak das Licht der Welt erblicken musste: "Das Leben ist einfacher, wenn man als Amerikaner, Franzose oder Deutscher auf die Welt kommt. Kurden haben ja nicht mal ein eigenes Land."

Was ihm das Schicksal nicht bescherte, hat er nun nachgeholt: Vor wenigen Tagen bekam er im Rathaus St. Johann seine deutsche Einbürgerungsurkunde. "Ein schönes Gefühl", sagt er glücklich, "denn der neue Pass macht mich freier."

Aufgewachsen ist er im irakischen Teil von Kurdistan. Unter Saddam Husseins Regime fühlte er sich "als Mensch, nicht zweiter, sondern dritter Klasse. Ich fühlte mich mein ganzes Leben unterdrückt", so Ghanem.

Husseins Verbrechen gegen das kurdische Volk sind zahlreich, beschreibt der 32-Jährige: Kurden wurden ermordet, Giftgasangriffe auf Siedlungsgebiete verübt "und im Alltag waren an allen staatlichen Stellen, in Behörden und Ämtern, nur Iraker eingesetzt, die Kurden tyrannisierten". Für Ghanem war klar, dass er "in so einem Land nicht leben" wollte. "Mit 19 sollte ich in die Armee." Doch Hussein zu dienen, kam für ihn nicht in Frage.

Er beschloss zu flüchten - wohin war "egal, Hauptsache weg". 5500 Dollar musste er Schleppern bezahlen, die ihn mit Lkws erst über die Grenze in die Türkei schmuggeln, dann weiter durch halb Europa nach Karlsruhe.

Damals war er 19 Jahre und "natürlich hatte ich Angst. Angst, dass man mich entdeckt, noch größere Angst vor der Fremde. Aber ich wollte in Freiheit leben".

Das erste Jahr in Deutschland, sagt er, "ist aber mehr Gefängnis als Freiheit". In einem kleinen Dachgeschosszimmer in einem Karlsruher Asylheim saß er auf dem Bett und starrte ununterbrochen die Wände an. "Ich konnte kein Deutsch. Was sollte ich draußen? Und ich durfte auch nicht arbeiten. Es war eine schlimme Zeit", sagt er und zuckt mit den Achseln. Ein Jahr später zog er zu Bekannten nach Heilbronn, bekam ein befristetes Bleiberecht und damit die Arbeitserlaubnis. Über eine Leiharbeitsfirma heuerte er als Lagerist an. "Mit der Arbeit wurde auch das Leben besser." Danach ging er dorthin, wo Arbeit war: Kiel, Mannheim und schließlich 2007 nach Saarbrücken, wo er 2008 das unbefristete Bleiberecht erhielt. Seit April 2012 arbeitet er in seiner ersten Fest-anstellung bei einer Dillinger Firma für Dönerfleischproduktion.

Näher an seinen Arbeitsplatz will er nicht ziehen, "weil Saarbrücken meine Heimat ist. Mir gefällt die Stadt. Ich bin hier zuhause", sagt er .

Wenn er heute seine Eltern und sieben Geschwister im Irak besucht, merkt er, dass die "Situation für Kurden in dem Land besser ist als zu meiner Zeit. Zurück will ich trotzdem nicht." < Serie wird fortgesetzt