Der Glanz im Dreckigen, das Erbärmliche im Famosen

Saarbrücken für Fortgeschrittene · Es ist vier Minuten vor halb elf, wenn man die "Tante Anna" betritt. Und wenn man die Kneipe schräg gegenüber der Basilika St. Johann wieder verlässt, immer noch. Die Bedienung zählt die Biere, die Uhr neben dem Eingang die Stunden und Minuten schon lange nicht mehr. Es ist vier Minuten vor halb elf - für immer. Im Glas der Uhr schimmert das Licht einer Wurlitzer-Musikbox. Das Leuchten täuscht, die Wurlitzer schweigt - wohl auch für immer.

 Henning Sedlmeir Foto: Bernhard Bretz

Henning Sedlmeir Foto: Bernhard Bretz

Foto: Bernhard Bretz

Zwischen der toten Technik schaut ein Mann in die Kneipe, ein Bierglas in der Hand. So hat er sich für das Plakat fotografieren lassen, mit dem er für seine Konzerte wirbt. Der Mann heißt Henning Sedlmeir. Und er wirkt an diesem Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, wie ein Geist aus der Vergangenheit.

Henning Sedlmeir, so kann man in der Saar-Rock-History von Roland Helm und Norbert Küntzer nachlesen, war Sänger der Saarbrücker Band Blind. Die war zwischen 1991 und 1997 aktiv - mit Markus Spohn an der Gitarre, Johannes Bieg am Keyboard, Karl-Peter Armbrust am Schlagzeug und Olaf Pfeiffer am Bass. "Pseudoamericanroutine" hieß das erste Blind-Album, "Life Guard" das zweite. 1996 gründete Sedlmeir, das gibt das Internet-Lexikon Wikipedia preis, das "Minimal-Trash-Rock-Duo Stereohools". Teil des Konzeptes sei es gewesen, "alle Songs ausschließlich auf Musik-Kassette zu veröffentlichen und über Autobahn-Raststätten zu vertreiben".

Saarbrücken war Vergangenheit für Henning Sedlmeir, die Musik Zukunft. Irgendwann nannte ihn das Magazin Intro "Deutschlands schleimigsten Liedermacher". Er selbst kokettiert lieber mit der Bezeichnung "Deutschlands härtester Schlagersänger". Er sieht sich als jemand, der "seinen Kosmos immer weiter ausbaut", der "seine Eitelkeiten zerlegt mit Poesie, Gestus und schwarzem Humor" und dabei "schillert, als hätte er ein Engagement im Las Vegas der 70er Jahre". Für Sedlmeir ist Sedlmeir (und ich glaube, er hat Recht) ein Mann, der sich mit E-Gitarre , Retro-Future-Elektronik und "einem Faible für schmutzige Chansons eine eigene Nische im Affentheater Showgeschäft" schafft. Eine Nische, die er "den Hard Schlager" nennt. Die Quelle aus der er, inzwischen 49 Jahre alt, schöpfe, sei ein Fass ohne Boden: "Die Dualität, die allem innewohnt, der Glanz im Dreckigen und das Erbärmliche im Famosen." Aus all dem, so heißt es, "kultiviert" er "eine schmierige Unterhaltungs-Show" - denn: "Einer muss es tun." Und einer muss ihm eine Bühne geben. Dieser eine ist Klaus, der Wirt der "Tante Anna". Er hat, wie er sagt, Sedlmeir "nach Hause" geholt. Zwischen Auftritten in Hannover und Basel gab es eine Lücke - am Freitag, 25. November. Da tritt Henning Sedlmeir aus der Saarbrücker Vergangenheit in die Gegenwart seiner alten Stadt. Für die meisten Saarbrücker wird es dann halb zehn am Abend sein. In der "Tante Anna" vier Minuten vor halb elf.