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Der Bergbau als Saarland-Werbung

Bergleute 1967 – als „Erbe“ nun für immer im Internet. Foto: Das Erbe
Bergleute 1967 – als „Erbe“ nun für immer im Internet. Foto: Das Erbe FOTO: Das Erbe
Saarbrücken. Am 28. November schließt die Landesausstellung zum Saar-Bergbau „Das Erbe“ im Redener Zechenhaus – und lebt dann im Netz auf Google Culture fort. Die Staatskanzlei verfolgt damit auch Image-Ziele. Cathrin Elss-Seringhaus

Es ist eine Art Anwartschaft auf das ewige Leben, die sich das saarländische Bergbau-"Erbe" erworben hat. Nächsten Samstag schließt die Landesausstellung zu 250 Jahren Bergbau an der Saar, und am selben Tag gibt die Ministerpräsidentin öffentlich den Startschuss für das Weiterleben im Netz. Die Finissage-Gäste werden das erleben, was der SZ bereits jetzt zugänglich gemacht wurde: den digitalen Auftritt des "Erbes" auf der Google-Culture-Plattform, unter Weltinstitutionen wie dem British Museum in London, dem Deutschen Museum in München oder dem Wiener Kunsthistorischen Museum.

"Wir sind stolz, in der höchsten Liga mitzuspielen", sagt der Leiter der Saarland-Öffentlichkeitsarbeit Jochen Wagner. Und das kostenlos. Denn die Staatskanzlei kooperiert als erstes Bundesland mit dem Google Culture Institute (GCI).

Wie kommt's? Google hat einen Bezug zum Saarland, ist Gesellschafter beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Im Umfeld der Eröffnung der Wanderausstellung zum Saarreferendum 1955 in Paris besuchte die Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU ) Google in Paris - was offensichtlich Türen öffnete. Unter "Staatskanzlei des Saarlandes open gallery" findet man in der Rubrik "Historische Momente" bereits alle Exponate der Saarreferendums-Ausstellung; Projektmanager war Wolfgang Bogler (Staatskanzlei). Sieben Millionen Google-Culture-Interessenten hätten von der Referendums-Schau erfahren, berichtet Wagner: "Wir haben durch Google Culture ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit, das an Modernität seines Gleichen sucht."

Doch wie sieht der Auftritt aus? Jedes Einzelne der rund 2000 Exponate der "Erbe"-Ausstellung wurde digitalisiert, darunter auch Filme. Alles lässt sich bis in die letzte Papier-Pore und bis auf den letzten Papier-Fleck heranzoomen. Google liefert eine höhere Auflösung als das menschliche Auge. Welche Gravur dekoriert die Anstecknadel, die die Bergleute bei der Saarabstimmung 1935 trugen? Ist das etwa mein Großvater auf dem Foto zur Grubenwehrübung in Maybach 1936? Nicht nur die Intensität, auch die Quantität des Erlebens wird gesteigert. Sah man in der Vitrine in Reden nur eine einzige Seite des Duhamel-Saargruben-Atlasses (1810), lässt er sich jetzt ganz durchblättern. Dokumente, die bisher in Archiven weggesperrt waren und nur Historikern zugänglich sind, historische Fotos, die nach dem Ende der Ausstellung wieder in Privatalben verschwinden würden - dies alles wird nun für jedermann jederzeit zugänglich. Eine neue Form der Kulturvermittlung, eine Demokratisierung von Forschung.

Doch das Erbe des Bergbaus ist mehr als eine Ausstellung in Reden. Deshalb wurde bereits ein Panorama-Rundgang durch das Bergwerk Velsen mit eingestellt. Sprich: Die GCI-Präsentation kann wachsen, wobei die Staatskanzlei die Rolle des "Keyholders" (Verantwortlichen) spielt. Schließlich geht es bei der Bergbau-Erinnerungsarbeit nicht nur um eine "moralische und gesellschaftliche Verpflichtung", wie Wagner sagt, sondern jetzt auch um Image-Pflege.

Meinung:
Perspektive wechseln

Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Man darf das clever nennen, wie die Staatskanzlei das im Besucher-Abseits dümpelnde "Erbe"-Projekt auf den letzten Metern noch einmal hoch reißt. Selbst wenn Google Culture an der Mehrheit der eigentlichen Zielgruppe, den Bergleuten, vorbei laufen dürfte, sie können stolz sein, dass ihre Historie das Bild des Saarlandes nun mitprägt. Trotzdem werden einige nach einem "realen" Erinnerungsort für den Bergbau rufen. Doch man sollte sie mahnen, die mangelnde Resonanz für das Thema zu respektieren. Sie steht nicht für Missachtung, sondern birgt ein positives Signal. Offensichtlich ist der Strukturwandel schon viel weiter als gedacht, ist die Zahl derer, die sich dem Bergbau verbunden fühlen, gar nicht mehr so groß. Die Zeit für eine historische Betrachtung muss reifen - sie wird kommen.

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