Demütig sich selbst kennenlernen

Brazilian-Jiu-Jitsu – kurz BJJ – hat sich aus dem Judo heraus entwickelt. Bei der Sportart geht es überwiegend um Bodenkampf. Zehn BJJ-Athleten vom Saarbrücker RFS-Team starten an diesem Samstag bei der EM in Limburg.

Sie drücken sich auf den Boden, würgen sich. Es sieht gefährlich aus. "Passt ein bisschen auf, dass ihr euch nicht umbringt!", ruft ihnen Trainer Arasch Eghbali zu. Tun sie. Alexander Neufang und Arthur Glöckler sind Profis im Brazilian-Jiu-Jitsu (BJJ). Sie trainieren mit Roman Kapranov im RFS-Team/Carlson Gracie Germany im Power-Out-Zentrum Saarbrücken . "Optimal ist es, einmal am Tag zu trainieren", sagt der 28-jährige Neufang: "Aber man kann immer noch mehr machen." Der Tätowierer hat sich daheim einen "BJJ-Raum" eingerichtet, wo er oft mit dem gleichaltrigen Kopranov kämpft.

Brazilian-Jiu-Jitsu hat sich vor gut 100 Jahren aus dem Judo heraus entwickelt. BJJ-Sportler spezialisierten sich auf den Bodenkampf. "Der Sport macht einfach Spaß. Ich investiere den Großteil meiner Freizeit ins BJJ - einfach, weil ich gerne trainiere", sagt Glöckler. Der 24-Jährige zog für seine Karriere vor drei Jahren aus der Pfalz ins Saarland. An diesem Samstag soll sich das Training auszahlen. In Limburg findet eine von mehreren Europameisterschaften statt. Verschiedene Verbände richten eigene Turniere aus. Bei der offenen EM am Samstag ist es die CBJJE. Von den 1000 erwarteten Kämpfern kommen zehn vom RFS-Team, dem erfolgreichsten in Deutschland.

"Wo unsere Jungs und Mädels antreten, gibt es eigentlich immer Medaillen", sagt Mannschaftsgründer und Trainer Eghbali. Der Verein hat mehrere deutsche Meister in seinen Reihen, darunter Neufang (Braungurt, Superschwergewicht), Kopranov (Braungurt, Mittelgewicht ) und Glöckler (Blaugurt, Feder- oder Mittelgewicht ). Eghbali sagt mit Blick auf die EM: "Der erste oder zweite Platz ist für alle drei auf jeden Fall drin." Die Kämpfer geben sich nicht verbissen. "Mein Hauptziel ist es immer, Erfahrung zu sammeln", sagt Neufang: "Seitdem es mir nicht mehr so wichtig ist zu gewinnen, gewinne ich viel mehr. Ich bin einfach lockerer." Glöckler stimmt ihm zu: "Gewinnen ist cool. Aber dabei sein ist alles. Hauptsache mitmachen und Spaß haben, kämpfen und es versuchen."

BJJ ist die am schnellsten wachsende Kampfsportart in Deutschland. Grund dafür ist auch, dass es eine der Säulen von "Mixed Martial Arts" (MMA) bildet. Die Sportart aus gemischten Kampfkünsten ist bekannt als "Käfigkampf". "Brazilian-Jiu-Jitsu hat sich als das effektivste System auf dem Boden etabliert", erklärt Paul Soos, ebenfalls Trainer des RFS-Teams. Während das brutal anmutende MMA - in den USA beliebter als Boxen - hier zu Lande umstritten ist, beruht Brazilian-Jiu-Jitsu größtenteils auf geistigen und physikalischen Attributen. "Der Sport macht einen zu einem besseren Menschen", sagt Neufang. Man lerne sich besser kennen, werde geradezu demütig durch BJJ. Sorgen, dass sich Kämpfer gegenseitig umbringen, muss sich beim RFS-Team also niemand machen.

Zum Thema:

Auf einen BlickDer Brazilian-Jiu-Jitsu-Kampf startet im Stand (Schläge, Tritte, Kratzen, Beißen oder Ähnliches sind verboten) und wird meistens nach einem "Takedown" am Boden fortgesetzt und beendet. Der Kämpfer hat zwei Möglichkeiten, um den Kampf zu gewinnen. Im Brazilian-Jiu-Jitsu erhalten die Kämpfer für bestimmte Positionen oder Aktionen, die für sie vorteilhaft sind oder den Kampfverlauf zu ihren Gunsten ändern, Punkte. Unabhängig vom Punktestand besteht die Möglichkeit, den Gegner mit einer Unterwerfung zur Aufgabe zu zwingen ("Submission"), die dieser durch Klopfen mit der Hand auf die Matte, seinen Körper oder den des Gegners symbolisiert. red