Dem Zorn fehlt es noch an Energie

Jürgen Reitz und Bettina Koch zeigen im Theater im Viertel das Stück "Zorn". Die zweite Folge ihres Todsünden-Zyklus in Form einer literarischen Collage hatte am Mittwoch Premiere.

Saarbrücken. Ist Zorn grundsätzlich etwas Böses oder nicht manchmal auch zu etwas gut? Ist er reine Gefühlssache oder nicht auch auf Vernunft gegründet? Darüber lässt sich trefflich streiten, zumindest anregend sinnieren. Das tun Paul alias Jürgen Reitz und Simone alias Bettina Koch in der zweiten Folge ihres Todsünden-Zyklus, einer literarischen Collage mit Rahmendialogen und vereinzelten Spielszenen. Premiere war am Mittwoch im Theater im Viertel.Vom Alten Testament bis zum 20. Jahrhundert haben sich Koch und Reitz durch die Literatur gegraben, um aufzufächern, wie Zorn zustande kommt und wie er sich manifestiert. Zum Auftakt erklingt Heavy-Metal-Musik auf der Bühne, in deren Mitte eine bemalte Stoff- oder Papierbahn, die sich bis hoch zur Decke zieht und eine Straßensituation vom Zebrastreifen bis hinauf zur graffiti-besprühten Hauswand suggeriert. "Zorn ist Energie", sagt Jürgen Reitz an einer Stelle. Doch gerade die vermisst man an diesem Abend im Spiel der Darsteller sehr. Ein bisschen mehr Heavy Metal, mehr Intensität, bitte, möchte man rufen. Allzu statisch bleiben die beiden erfahrenen Akteure auf der Bühne, wechseln höchstens mal die Seite und reden meist frontal zur Zuschauertribüne. Wer reglos dasteht, ist noch lange nicht starr vor Zorn. Viel zu oft hocken die beiden hinter einem Polsterwürfel, um vorzulesen wie dunnemals Kulenkampff die "Nachtgedanken". Viel zu bedächtig tragen sie die Texte vor, als bräuchte jedes Wort einen Resonanzraum, und verzichten leider weitgehend auf sprachliche Gestaltung, es fehlt an Sprechausdruck, an Variation.

Ein Lichtblick ist da noch Reitz' Lektüre der Gerhard-Zwerenz-Satire vom Atomkrieg unter Nachbarn. Tiefpunkt des zähen Abends: Bettina Koch als Ulrike Meinhof, die von ihren Qualen der Isolationshaft erzählt und dabei mit elegant angezogenen Beinen so lässig-unbeteiligt dasitzt wie bei einer Cocktail-Party am Strand. So springt der Zorn-Funke zwar über zum Zuschauer, aber anders als gedacht. Da gibt es viel zu verbessern bis zur nächsten Aufführung.

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