„Das war keine Entscheidung gegen Merzig, . . .

Herr Lauer, was machen Sie am 2. Januar 2014? Alfons Lauer: Am 2.

Januar 2014 werde ich morgens in meinem neuen Büro in der Ursulinenstraße in Saarbrücken sein. Dort werde ich dann mit dem Justiziar des Verbandes auch durchs Haus gehen und mich bei allen Mitarbeitern des Sparkassenverbandes Saar und seiner angegliederten Institutionen persönlich vorstellen. Also direkt die neue Rolle übernehmen.

Ohne Pause?

Lauer: Doch, nach dem 19. Dezember bis zum Ende des Jahres bin ich im Urlaub.

Was war aus Ihrer Sicht das wichtigste Projekt, das während Ihrer Amtszeit verwirklicht worden ist?

Lauer: Das wichtigste Projekt war, zu erreichen, dass die Merziger nicht mehr wie früher skeptisch und eher schlecht über ihre Stadt sprechen, sondern mit Selbstbewusstsein und einem gewissen Stolz. Und ich muss sagen, wir haben auf allen Arbeitsfeldern so viele Erfolge zu verzeichnen, dass sich die Einstellung der Merziger zu ihrer Stadt und zum Rathaus im Laufe der Zeit stark gewandelt hat. Sie ist positiv geworden.

Es gibt ja den berühmten Satz: "Das Saarland hört bei Dillingen auf." Denken Sie, dass nicht nur die Merziger die Stadt anders wahrnehmen, sondern auch die Menschen im restlichen Land?

Lauer: Merzig hatte schon ein gewisses Image als eine etwas provinzielle Kleinstadt am Ende des Saarlandes, hinter Dillingen, da wo das Saarland angeblich aufhört. Mittlerweile ist die Stadt aber innerhalb des Saarlandes, aber auch darüber hinaus ein Begriff. Erst vor ein paar Tagen hat mir etwa Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer bestätigt, wie gut sich Merzig weiterentwickelt hat. Ich höre das auch ohne Neid von Kollegen, obwohl wir als Bürgermeister in einer gewissen Konkurrenzsituation stehen. Merzig wird von ihnen als eine erfolgreiche, sympathische und aufstrebende Stadt im Herzen Europas wahrgenommen.

Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken - auf welche Ergebnisse sind Sie besonders stolz, über welche Erfolge freuen Sie sich in der Rückschau am meisten?

Lauer: Die gesamte positive Entwicklung in allen Bereichen, dass Merzig heute eine schöne, erfolgreiche und stolze Stadt ist, mit hoher Wohn-, Lebens- und Freizeitqualität, das betrachte ich als einen großen Erfolg. Besonders freue ich mich darüber, dass es gelungen ist, die Arbeitslosigkeit auf einen historischen Tiefststand zu senken.

Ich bin schon etwas stolz darauf, dass wir zum einen als Stadt mittlerweile ein Markenzeichen haben: die Kinder- und Familienfreundlichkeit. Es war bereits bei meinem Antritt eines meiner politischen Leitmotive, dass bei uns Familien und Kinder willkommen sein müssen.

Mittlerweile haben wir herausragende und toll eingerichtete neue Kindertagesstätten, beispielsweise der gemeinsame Kindergarten Fitten-Ballern oder die neue Tageseinrichtung in Schwemlingen. Meine Devise war eigentlich immer, dass die Ausstattung der Kindergärten und Schulen besser sein muss als die des Rathauses. Auch die pädagogische Qualität in den Kindertagesstätten und in den Grundschulen ist vorbildlich.

Zum anderen übergebe ich meinem Nachfolger eine Stadt, die hervorragend dasteht. Eine Stadt, die sowohl städtebaulich, aber auch von der gesamten Infrastruktur her runderneuert ist. Wir haben allein knapp 150 Millionen Euro in die Komplettsanierung der örtlichen und überörtlichen Kanalsysteme gesteckt. Auch ist die Stadt jetzt nach menschlichem Ermessen hochwasserfrei. Der einzigartige Staukanal unter dem Seffersbach hält das Wasser bei Großregenereignissen zurück.

Städtebaulich hat sich die Stadt im Zeitraffertempo entwickelt - sowohl bei den Stadteingängen als auch bei den Plätzen. Zu nennen sind beispielhaft der gesamte Bereich um den Seffersbach, der weitgehend fertig gestellte Kirchplatz, die neue Stadtmitte Merzig, der Christian-Kretzschmar-Platz am Rathaus oder das Carrée Alte Post. Auch unsere Dörfer haben sich durch eine ganze Reihe von Dorferneuerungsmaßnahmen zum Positiven verändert.

Es gibt jetzt nicht ein Leuchtturm-Projekt, von dem Sie sagen: Das war die größte Leistung?

Lauer: Die deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmendaten und die Senkung der Arbeitslosenquote sind hier zu nennen. Es war auch schon ein Husarenstreich, wie es damals gelungen ist, die Querspange in Besseringen zu realisieren. Helmut Kohl befand sich im Jahr 1998 im Bundestagswahlkampf. Es gab noch einige hundert Millionen Mark im Haushalt, die nicht in den Osten abgeflossen waren. Kohl fragte dann sein Kabinett, wo man denn noch im Westen Geld ausgeben könnte. Der damalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann hat daraufhin nachgefragt, wo es große Straßenbauprojekte in den Schubläden gibt, die man sofort umsetzen könnte. Der zuständige Abteilungsleiter fragte bei mir nach. Und ich sagte, ich hab ein solches Projekt: die Querspange Besseringen. Am nächsten Morgen ging schon eine Presseerklärung von Wissmann über den Ticker: "Fünf neue Großbauprojekte werden noch in diesem Jahr begonnen." Darunter war dann die Querspange. Ein Riesenvorhaben für um die 40 Millionen Mark. Das Problem war nur, dass der Plan aus dem Jahr 1972 stammte und damit völlig veraltet war. Wir haben dann gemeinsam mit dem Land sehr zügig Planungsrecht geschaffen und dann ist dieses aufwändige Projekt, mit dem niemand mehr gerechnet hatte, gebaut worden.

Was hat Sie in den 19 Jahren auf dem Chefsessel im Merziger Rathaus am meisten überrascht?

Lauer: Im Januar 1995, kurz nach meinem Amtsantritt, bekam ich einen Anruf, ich solle doch sofort zum Drahtcord-Werk kommen, dort sei der Teufel los. Als ich dann ankam, erlebte ich dort einen Großbrand, einen der größten in der Geschichte des Saarlandes - der es bis in die Tagesschau schaffte. Ich dachte damals, die Amtszeit fängt ja gut an.

Welches war die größte Enttäuschung, die Sie als Merzigs Oberbürgermeister erlebt haben? Was waren für Sie die schwersten Momente Ihrer Amtszeit?

Lauer: Der schwerste Moment war ganz klar die Geschichte, die sich im Jahr 2008 im Kulturamt abgespielt hat. Da waren sehr viele persönliche und menschliche Enttäuschungen mit dabei. Vor allem, weil man gar nicht ahnen konnte, was dann am nächsten Tag möglicherweise noch von unseren Leuten entdeckt wird. Das waren mit Sicherheit die schwersten Tage, Wochen und Monate.

Inwieweit ist die Affäre um die frühere Leiterin des Kulturamtes mittlerweile aufgearbeitet und der verursachte Schaden behoben? Was haben Sie, aus heutiger Sicht, damals falsch gemacht?

Lauer: Ich bin sicher, dass kein Imageschaden mehr für die Stadt existiert. Bei mir persönlich gibt es ein paar Narben, die zurückgeblieben sind. Aber ich habe das verarbeitet.

Wenn jemand mit solchen Methoden und an allen Instanzen vorbei bewusst Dinge manipuliert, haben Sie als oberster Dienstvorgesetzter keine Chance. Ich habe damals selbst in die Speichen gegriffen, als ich erste Hinweise hatte. Wir haben die Ablauforganisation jetzt noch stringenter, noch straffer gemacht. Aber wenn Vertrauen missbraucht wird, haben Sie keine Chance.

Gibt es etwas, was Sie vor Ihrem Abschied gerne noch erledigt bekommen hätten?

Lauer: Ich hätte den Kirchplatz gerne komplett übergeben. Die Fläche bei der alten Walpurgis-Kirche ist aber leider noch nicht fertig gestellt. Sonst hätte ich mir gewünscht, dass wir etwas weiter mit der Verkehrsführung in der Innenstadt gekommen wären. Der erste Bauabschnitt hat bereits zu einer deutlichen Entlastung geführt. Der zweite und dritte Abschnitt werden noch mal einen großen Qualitätssprung bringen. Aber die Dinge brauchen eben ihre Zeit.

Gibt es etwas, was Sie rückblickend gerne anders gemacht hätten?

Lauer: Was ich heute ganz sicher anders machen würde, ist das Management meiner Zeit. Ich habe in meinen knapp 20 Jahren als Oberbürgermeister an ungefähr 700 Wochenenden Dienst getan. Das heißt, an etwa drei von vier Wochenenden im Monat gab es dienstlich Termine, oft samstags zwei und sonntags drei. Die Wochenenden waren damit weitgehend verplant.

Ich kann deshalb eigentlich nur den Rat an die Kollegen geben: Schafft euch persönliche Freiräume. Das ist mir in diesem Maße leider nicht gelungen.

Vor ihrem Amtsantritt im Jahr 1994 erklärten sie, ökologisches Denken und Handeln sei für Sie "keine Spielwiese verträumter Romantiker", sondern "eine überlebenswichtige Querschnittsaufgabe, die alle Politikbereiche beeinflusse". Wenn Sie diesen Anspruch an Ihre Amtszeit anlegen, haben Sie rückblickend beim Thema Umweltschutz geträumt oder gehandelt?

Lauer: Gehandelt. Ich beginne mal damit, dass wir einen der innovativsten und größten Forstbetriebe des Saarlandes haben, mit einer Fläche von etwa 2400 Hektar. Wir waren mit unserem Projekt der strikten ökologischen Naturwaldwirtschaft auf der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover vertreten. Wir haben durch den stringenten Ausbau des Erdgasnetzes Tausende Tonnen Kohlendioxid eingespart. Wir führen seit einigen Jahren den Titel "Klimaschutzkommune", der uns vom Bundesumweltministerium verliehen wurde. Und wir besitzen mit der Holzhackschnitzelheizanlage in Brotdorf die erste ihrer Art im Saarland.

Wir sind beim Ausbau der Windenergie gut im Rennen. Wir platzieren uns seit Jahren in der Gruppe der Städte zwischen 20 000 und 100 000 Einwohnern immer unter den ersten zehn bis 15 Besten in der Bundesliga der Solarkommunen.

In der Solar-Landesliga sind wir im Saarland sogar immer Erster oder Zweiter. Wir haben unsere Naturschutzgebiete ausgebaut. Wir haben folglich im Bereich der Energiewirtschaft und Umweltpolitik nicht romantisch geträumt, sondern erfolgreich gehandelt.

Welche Rolle hat die Nähe Merzigs zu einem der größten Atomkraftwerke Europas, Cattenom, bei ihrer Schwerpunktsetzung Umweltpolitik gespielt?

Lauer: Im Bereich der Energiepolitik hat das eine Rolle gespielt. Dass wir oben in Fitten eine Solaranlage auf der alten Deponie installiert haben und direkt daneben eine moderne Biogasanlage, das hat schon etwas mit dem Atomkraftwerk zu tun. Wir wollten damit ein positives, energiepolitisches Zeichen an der Grenze zu Cattenom setzen.

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