„Das Thema war fürs Internet gemacht“

Eine mögliche Gefängnisstrafe für Jan Böhmermann wegen dessen Schmähgedicht ist das derzeit meistdiskutierte Thema auf der SZ-Facebookseite. Der Saarbrücker Peter Tiefenbrunner macht wie Böhmermann politisches Kabarett, allerdings auf der Bühne und im Radio. Mit SZ-Redaktionsmitglied Robert Schmidt sprach Tiefenbrunner über die Rolle von Sozialen Medien in seinem Beruf.

Ist das Gedicht für Sie politisches Kabarett ?

Peter Tiefenbrunner: Zunächst war Böhmermann der Zweite, der nach Extra3 auf den Erdogan-Zug aufgestiegen ist, der durchaus politisches Kabarett war. Sein Gedicht selbst halte ich von seinem Inhalt her nicht dafür. Aber so wie er das im Internet eingesetzt hat, mit der Ansage, es sei grenzverletzend, finde ich es schon wieder eine politisch-kabarettistische Aktion.

Warum gibt es im Internet so eine große Aufregung um das Böhmermann-Gedicht?

Tiefenbrunner: Das Thema war dafür gemacht, würde ich sagen. Im Internet regt man sich ständig über alles und jeden auf. Böhmermann ist zweigleisig gefahren. Er hat einen Erdogan-Gag gemacht. Und zum anderen hat er Grenzen aufgezeigt. Und dadurch ist genau das eingetreten, was er prognostiziert hat. Er spielt da sehr souverän mit den Mechanismen, die das Internet nun mal auszeichnen.

Inwieweit hat sich Ihrer Meinung nach das Kabarett durch das Internet verändert?

Tiefenbrunner: Das Internet funktioniert in Hinblick auf Erregungszustände sehr zuverlässig. Es ist sehr leicht, durch bestimmte Mechanismen Reaktionen auszulösen. Dadurch werden schneller mehr Personen geschmäht und leider nicht genauso schnell entschmäht, als das vorher der Fall war. Aber das hat auf mich als Kabarettisten konkret keine Auswirkungen. Ich bin ein zurückhaltender Nutzer von sozialen Medien. Ich bin kein Freund von Facebook , nutze es trotzdem. Es gilt nun mal: Hast du kein Facebook , findest du nicht statt. Ich denke, merkt man meiner Seite auch an, dass ich das nur zähneknirschend nutze. Ähnlich trifft das auf die Webseite zu. Die ist auch nicht interaktiv.

Wie kommunizieren sie dann mit ihrem Publikum?

Tiefenbrunner: Sowohl das Bühnenkabarett als auch das Kabarett über den Rundfunk findet noch immer über den relativ direkten Weg statt. Ich bekomme gelegentlich E-Mails. Das sind dann direkte Aussagen von Leuten, die sich dann auch outen. Oder direkt, das heißt vor, während und nach Auftritten.

Wie unterscheidet sich Ihr Publikum von Böhmermanns?

Tiefenbrunner: Ich habe nicht das junge Publikum von Böhmermann. Ich mache ein dezidiertes politisches Kabarett mit hohem Informationsgehalt. Das Publikum in unseren Aufführungen von Kollegin Barbara Scheck und mir ist ein älteres Publikum. Da ist das Verhältnis zu sozialen Medien ein anderes.

Hat das Internet also gar nichts für Sie verändert?

Tiefenbrunner: Das Internet hat aber schon gewisse Auswirkungen auf meine Arbeit. Meine Sendungen haben eine andere Verbreitung genommen, als das früher möglich gewesen wäre. Ich hätte früher mit einer Fünf-Minuten-Glosse auf SR2 niemanden in Hamburg erreicht. Mittlerweile bekomme ich auch sehr fundierte Rückmeldungen zu meinen Beiträgen. Das hätte es früher nicht gegeben, als man die Texte noch nicht im Internet nachlesen konnte.

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