Das Runde, das Eckige und die Tränen

Es gibt Dinge, die bleiben SZ-Mitarbeiterin Ruth Rousselange ein Mysterium.

Meinung:

Das Runde, das Eckige und die Tränen

Keine Emotionen zeigten sie, wirft man ihnen vor, aber da, sie heulen Rotz und Wasser. Sie schreien, wüten, sie toben, sie liegen sich in den Armen und rennen sich über den Haufen, sie treten sich ans Schienbein und verteilen Kopfstöße. Männer brauchen nur einen vernünftigen Grund, um Gefühle zu zeigen: Fußball. Wie sie sich freuen können, wenn für ihre Mannschaft ein Tor fällt, wie junge Hunde umspringen sie sich, reißen sich von den Stollenschuhsohlen und küssen sich halb besinnungslos. Verteilen Kopftätschler und Rückenklopfer, als seien das Massageeinheiten, schlagen Salto und umtänzeln die Eckfahne, man möchte Choreografie-Anleihen fürs Ballett nehmen.

Wie Glaube, Liebe und Hoffnung von ihnen abfallen, die Mimik entgleitet und die Gesichtsfarbe schwindet, schießt der Gegner ein Tor. Nirgendwo sonst sieht man solch bewegende Szenen unkontrollierter Erregenszustände, wie auf dem Fußballplatz. Nicht mal in der Geburtsklinik. Auffällig, dass all dieser kommunikative Austausch unter Männern nahezu nonverbal geschieht, sieht man vom Schreien ab, das meist auch ohne klar artikulierte Subjekt-Prädikat-Objekt-Ketten auskommt. Wo's ums Ganze geht, um alles oder nichts, Siegen oder Verlieren, Olymp oder Hades, sind schnöde Worte unzulänglich. Der Ball ist rund, Medium zur Erlösung oder Verdammung. In 90 Minuten erfüllen sich Schicksale, gehen Welten unter, Sterne verglühen, Götter werden geboren und am Schluss gewinnt Bayern. Nein, bloß ein Witz. All das riecht nach ehrlichem Männerschweiß und harter Arbeit, nach sicheren Werbeverträgen und zufriedenen Sponsoren. Da wage mal einer durchs TV-Bild zu latschen und blöde Fragen zu stellen, wenn Mann dieser Fußballseligkeit beiwohnt. Nie wird man mit feurigeren Blicken bedacht, als wenn man kurz vorm Elfmeter vorm Bildschirm steht.

Nein, das ist kein Spiel! Das ist das Leben, womöglich sogar des Letzteren Sinn. Das Runde, das Eckige, die Mannschaft, Treue, in ewiglicher Freundschaft verbundene Jungs. Nur warum bloß müssen die am Schluss die pitschnassen Trikots tauschen? Buahh! Wird man ja wohl noch fragen dürfen…

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