Das passt – auch für den kleinen Geldbeutel

Der Winter naht mit Riesenschritten, und damit sind vor allem dicke Pullis und Jacken in der St. Johanner Kleiderbörse gefragt. Sie sorgt dafür, dass auch Saarbrücker mit wenig Geld nicht frösteln müssen.

Zum vierten Mal betritt Martina W. das Diakonische Zentrum in der Johannisstraße. Im Eingangsbereich wartet sie. "Wer will noch zur Kleiderkammer?", fragt eine Mitarbeiterin. "Ich", ruft Martina W. Bei ihrem ersten Besuch wunderte sich die 46-Jährige noch über die Wartemarke, die ihr in der St. Johanner Börse in die Hand gedrückt wird. Inzwischen weiß sie, dass hier auch mal ganz schön viel los sein kann. Denn wie der arbeitslosen Martina W. geht es vielen Saarbrückern, die sich regelmäßige Einkäufe in gewöhnlichen Bekleidungsgeschäften nicht leisten können.

Rund 2500 Kundenbesuche verzeichnete die Einrichtung zwischen Januar und Oktober dieses Jahres, erklärt Ulla Frank, Leiterin des Diakonischen Zentrums. Für drei Euro Eintritt können die Kunden sich bis zu drei Kilo gebrauchte Kleidung und Schuhe mitnehmen. Die Wartemarke verhindert, dass der Verkaufsraum mit insgesamt 1000 Kilo Kleidern auf unzähligen Kleiderstangen zu voll wird. Der Unterschied zum Sozialkaufhaus: In der Kleiderkammer darf nur einkaufen, wer nachweist, dass er tatsächlich bedürftig ist. Das ist Ulla Frank wichtig, denn sie will auch Menschen mit wenig Geld eine Auswahl bieten. "Die meisten unserer Kunden sind arbeitslos", erzählt Frank. Das Problem, das entsteht, wenn Winterkleidung gebraucht wird, aber kein Geld da ist, sagt Martina W. Sie sucht einen Pullover für sich und einen für ihre Tochter. In der Umkleidekabine kann sie ihren lila Pulli anprobieren. Er passt. "Glück gehabt", sagt sie. Denn Winterkleidung ist in der Kleiderkammer Mangelware, wenn die Temperaturen sich dem Nullpunkt nähern.

Die Temperaturen sind auch für Obdachlose ein Problem. Rund 20 Prozent von Franks Kunden leben auf der Straße. "Die müssen natürlich keinen Eintritt zahlen", sagt Frank. Besonders für die sei die Kleiderkammer auch eine Gelegenheit, mit den anderen Angeboten der Einrichtung, zum Beispiel der medizinischen Grundversorgung, in Kontakt zu kommen. Auch immer mehr Flüchtlinge nutzen das Angebot der Kleiderkammer, in deren Keller es einen Raum mit Haushaltswaren gibt. Mehr als die Hälfte der Kunden sind zwar Deutsche. Der Anteil syrischer Kunden macht aber inzwischen etwa 20 Prozent aus. "Insgesamt hatten wir 2015 Kunden aus 53 Nationen", erzählt Ulla Frank stolz, die darin für alle Beteiligten auch eine Chance sieht, Vorurteile abzubauen. Besonders freut sich Frank über die Spendenbereitschaft der Saarbrücker: "Wir bekommen meistens richtig schöne Sachen, die den Leuten zum Wegwerfen zu schade sind." Dabei hatte die Kleiderkammer nicht immer einen leichten Stand. "Dass man mit den Themen Armut und Obdachlosigkeit nicht bei jedem offene Türen einrennt, ist klar", meint Frank.

Martina W. ist vor allem für den Einsatz der ehrenamtlichen Helfer dankbar. "Wieder wie ein richtiger Mensch" fühle sie sich jedes Mal, wenn sie die St. Johanner Börse verlässt, sagt die 46-Jährige.

Zum Thema:

Hintergrund Große Kleiderkammern gibt es in der Innenstadt, Brebach und Dudweiler, kleinere auch in einigen Pfarreien und Kirchengemeinden. Gesucht werden derzeit vor allem Jacken , Mäntel, Schals, (Herren-)Schuhe, Pullover und Handschuhe - auch für Kinder und Kleinkinder. Die St. Johanner Börse bittet außerdem um Schlafsäcke für Obdachlose . Kleiderspenden können vor Ort abgegeben oder für die St. Johanner Börse zum Beispiel auch in den blauen Container am Stadtgraben gegenüber dem Staatstheater eingeworfen werden. Eine Übersicht der Kleiderkammern gibt es im Internet. gs saarbruecken.de/ leben_in_saarbruecken