Das Haus eines Sammlers schrieb Geschichte

Noch heute bastelt Lothar Bach hin und wieder an seinen vielen Radios und Fernsehern. Doch in dem Haus, in dem er seine Werkstatt hat, wurde einst Geschichte geschrieben. Nazi-Gegner Max Braun hielt hier Reden.

Wer Lothar Bach (70) in seinem Haus in der Riesenstraße 13 im Stadtteil Brebach besucht, findet ihn noch manchmal an einem seiner Werkstatttische tüfteln. Wie viele Geräte der pensionierte Radio- und Fernsehtechniker in seinem Leben repariert hat, weiß er nicht. Aber er erinnert sich gut, dass er "erst kürzlich über 200 Fernseher - manche noch funktionstüchtig - entsorgt" hat. Obwohl in seiner 300 Quadratmeter großen Werkstatt nirgends eine Lücke klafft, weil überall Elektrogeräte, allerlei Kartons, Schränke voll mit Schrauben und Werkzeug, Möbel, Bücher und allerlei Buntes und Altes sich zu einem undurchsichtigen Labyrinth vereinen, haben die entsorgten Fernsehgeräte eine Kerbe in Bachs Herz geschlagen: "Ich bin noch aus einer anderen Zeit: Es schmerzt mich, Dinge wegzuwerfen", sagt er. Bach ist das Gegenstück der "Wegwerf-Gesellschaft". Alles, was er hier angesammelt hat, ist für "viele wahrscheinlich nur unendlich viel Gerümpel, für mich aber haben all die Dinge einen Wert".

Sammeln statt Wegwerfen

In seiner Funktion als Landesinnungsmeister der Informationstechnikerinnung des Saarlandes und Dozent an der Handwerkskammer war er vor Jahren auf einem Empfang in der Staatskanzlei geladen. "Vor einem der Minister lag eine Schraube, genau vor seinen Füßen. Ich bin auf ihn zu, bückte mich und pickte die Schraube unter den verwunderten Blicken des Politikers auf. Man weiß nie, ob man die Schraube nicht bald braucht", sagt Bach und grinst. Die kleine Anekdote ist eine von vielen Geschichten, die Bach wie die unzähligen Gegenstände in seinem Leben angesammelt hat.

Aber noch geschichtsträchtiger, beschreibt Bach, ist "das Haus selbst". Errichtet wurde es 1898 und beherbergte einst Kino, Eckkneipe und die Disco "Lido-Keller". Die zwei oberen Etagen sind bis heute der Wohnbereich von Bach und seiner englischen Frau Halina. In der Eckkneipe "wurde der SPD-Ortsverein Brebach gegründet". Max Braun, SPD-Politiker und der bedeutendste Kämpfer gegen einen Anschluss des Saargebiets an "Hitler-Deutschland", hielt hier seine Reden. Als es 1935 zur Volksabstimmung kam, "hatten sich Braun und seine Weggefährten im Kinosaal versammelt und hörten über Rundfunk das niederschmetternde Ergebnis: 90 Prozent der Saarländer stimmten für eine Vereinigung mit Deutschland". Der Nazi-Widerständler Braun emigrierte im selben Jahr nach Frankreich. Obwohl Bach damals noch nicht geboren war, sei ihm die Bedeutung des Hauses für die Saargeschichte immer bewusst gewesen.

Seine Eltern übernahmen das Haus 1936 und hielten bis 1974 den Kinobetrieb aufrecht. Zu Filmpremieren kamen Filmstars wie Gert Froebe und Paula Wessely. "500 Plätze bot der Saal. Logenplätze für 2,30 Mark, Rang 2,80 Mark." Bach lässt den Blick wandern. "Der Raum ist riesig. Die Decken hoch. Das musste geheizt werden. Irgendwann war es nicht mehr wirtschaftlich, obwohl bis zu 400 Kinder am Wochenende das Kino stürmten."

Manfred Sexauer als DJ

Im Keller amüsierten sich von 1961 bis 1985 Saarbrückens Nachtschwärmer in der Lido-Disco: "Politiker, Leute vom Staatstheater, Geschäftsleute, Sportler. Ehen nahmen hier ihren Lauf, andere endeten hier", sagt er lachend. Der erste DJ, der hier 1966 die Platten drehte, war Fernseh- und Radiomoderator Manfred Sexauer. Die Sitzecken und Theke sind heute verstaubt, die gekachelte Tanzfläche vereinsamt. Die Zeit hat auch bei Bach Spuren hinterlassen. Heute macht sein Herz Probleme. "Ich bin gesundheitlich angerempelt. Das Haus ist zu groß, die vielen Treppen für mich mühsam." Er müsse "loslassen, auch wenn's schwerfällt".

Manfred Hahn, Stadtteilmanager von Brebach, hat sich oft mit Bach getroffen: "Das Haus ist ein bemerkenswerter Kulturort. Hier wurde saarländische Politik- und Kinogeschichte geschrieben. Die Werkstatt mit all den Fernsehern und Radios bündelt Zeitgeschichte. Das darf nicht verlorengehen. Vielleicht ist es möglich, hier oder an einem anderen Ort, eine Art Museum zu errichten."