„Das hatte etwas Rauschhaftes“

Judith Holofernes (37), erst Frontfrau der Rock-Band „Wir sind Helden“, jetzt Solomusikerin, zweifache Mutter und praktizierende Buddhistin, veröffentlichte am Jahresanfang ihr erstes Album „Ein leichtes Schwert“. Nun kommt sie mit ihren eigenen Liedern und ihrer eigenen Band auf Tournee. SZ-Mitarbeiter Kai Florian Becker hat mit ihr gesprochen.

Gleich vorweg die Frage: "Wir sind Helden " pausieren nur, oder?

Judith Holofernes : Ja, Pause war das beste Wort, das uns eingefallen war. Aber es trifft es nicht ganz, weil wir tatsächlich nicht wissen, ob wir die Band in dieser Form wieder machen werden. Wir haben uns nicht offiziell aufgelöst, denn es gibt keinen Grund, dies zu tun. Das wirkt auch so gewaltsam. Wir mögen uns ja noch alle und unsere Musik. Man weiß nie, was in drei Jahren ist. Es ist jedenfalls mehr als eine Pause. Es kann durchaus sein, dass wir das nie wieder machen.

"Wir sind Helden " hatten keine Zeit zu reifen und sich an den Erfolg ranzutasten. Das erste Album "Die Reklamation" schlug bereits ein. Ging es zu schnell?

Judith Holofernes : Das hatte etwas Rauschhaftes. Klar, es fühlte sich auch toll an. Aber ich hatte schon das Gefühl, dass ich bis zum Schluss innerlich nie so ganz aufschließen konnte. Ich erinnere mich an ganz viele Momente, in denen ich dachte: "Halt, halt, ich bin noch nicht soweit!" Ich hatte mich zum Beispiel gerade erst damit abgefunden, dass wir auf MTV laufen. Aber dann kam schon die Nachricht, dass wir für Limp Bizkit als Headliner auf der Hauptbühne bei "Rock am Ring" einspringen sollten. Ich ruderte fortwährend mit den Armen und versuchte, hinterherzukommen.

Ist es im Vergleich zu "Wir sind Helden " ein anderes Gefühl, mit Ihren aktuellen Mitstreitern auf der Bühne zu agieren?

Judith Holofernes : Ja, ein ganz anderes. Ich hatte immer wahnsinnig gern mit den "Helden " auf der Bühne gestanden. Uns hatte fast noch mehr als die Musik unser Humor und unsere Freundschaft verbunden. Das machte total Spaß. Jetzt habe ich mir eine Band zusammengestellt, die ganz anders tickt und sich anders anfühlt. Sie ist auch anders strukturiert: drei Frauen und drei Männer und obendrein ganz viele Instrumente, aber kein Synthesizer. Das geschah nicht wirklich bewusst. Aber mir wurde letztens klar, dass ich anscheinend etwas ganz Neues machen wollte. Natürlich ist da noch nichts so eingespielt wie bei einer Truppe, die seit zehn Jahren auf Tournee geht. Aber ich wollte ja etwas Neues, das aufregend ist und mich fordert. Ich habe tatsächlich sehr viel Energie reingesteckt, die richtigen Leute zu finden. Das war fast das Spannendste an diesem Projekt.

Die Lieder auf "Ein leichtes Schwert" sind zumeist fröhlich. Würden Sie sich als glücklich bezeichnen?

Judith Holofernes : Überhaupt nicht. Ich kämpfe wie die meisten anderen Leute auch. Ich habe das Gefühl, dass ich eigentlich ein Talent zum Glücklichsein habe, mir im Leben aber nicht die allergünstigsten Rahmenbedingungen dafür ausgesucht habe. Der Beruf des Musikers bringt eben viele Schwierigkeiten mit sich, weshalb es viel Übung bedarf, glücklich zu sein. Auf der anderen Seite bin ich wahnsinnig glücklich, diesen Beruf, von dem ich schon mit acht Jahren träumte, ausüben zu können. Es ist eben ein Leben mit vielen Ausschlägen, vielen Höhen und Tiefen, Anforderungen und Schwierigkeiten. Glück ist Übungssache. Da ich praktizierende Buddhistin bin, habe ich meiner Meinung nach ein gutes Werkzeug in der Hand, mit allem klarzukommen. Was aber nicht heißt, dass ich das immer erfolgreich anwende.

Zwangsläufig wachsen Ihre Kinder mit Ihrer Musik auf. Sind sie ebenso musikvernarrt? Hören sie etwas, das Sie ganz unausstehlich finden?

Judith Holofernes : Ich bin wahnsinnig froh, dass sie mittlerweile Erwachsenenmusik hören. Ich glaube alle Eltern wissen, dass es wahnsinnig schwer ist, für Erwachsene erträgliche Kindermusik zu finden. Kaum hatten wir welche in der Gestalt von "Ritter Rost" gefunden, war die Phase auch schon vorbei. Nunmehr hören wir ganz normale Musik - Hauptsache laut und die Kinder können dabei rumhopsen oder auf Tischen rumtrommeln.

Termin: Judith Holofernes am 15. Oktober ab 19 Uhr in der "Garage" in der Saarbrücker Bleichstraße.

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Hintergrund"Wir sind Helden " fanden sich 2003, drei Jahre nach ihrer Gründung, mit ihrem Debütalbum auf Platz zwei der deutschen Charts wieder. "Die Reklamation" verkaufte sich über eine halbe Million Mal. Diese Verkaufszahl konnte die quirlige Indierock-Band nie mehr übertreffen, stand jedoch mit jedem Album entweder auf Platz zwei oder gar eins. 2012 erklärten Judith Holofernes (Gesang, Gitarre ), Jean-Michel Tourette (Gitarre , Keyboard), Mark Tavassol (Bass, Gitarre ) und Pola Roy (Schlagzeug), die Band für unbestimmte Zeit ruhen zu lassen. Holofernes schlug eine Solokarriere ein und veröffentlichte Anfang Februar ihr erstes Soloalbum "Ein leichtes Schwert" (Platz 7). Ihr zur Seite stehen fünf Musiker, zu denen auch ihr Ehemann Pola Roy zählt. kfb