Das Geheimnis der Gießkannen

Bis vergangene Woche habe ich das auch geglaubt: dass es auf saarländischen Friedhöfen immer ruhig und beschaulich zugeht, dass die Lebenden bloß der Toten gedenken und innere Einkehr halten. Das ist aber längst nicht alles, wie man verblüfft erfährt.

Auf dem Friedhof geht's mitunter sehr lebendig zu.

Es war eine Dame über 80, die zum Geburtstag ihrer Tochter in St. Johann erschienen war und mit den weiblichen Gästen kichernderweise das Thema "Partnersuche im fortgeschrittenen Alter" diskutierte. Dabei stellte sich heraus, dass es gewisse Verhaltensweisen gibt, die man beherrschen sollte - auf dem Friedhof. Denn je nachdem, wie man die Gießkanne hält, so die Seniorin, signalisiere man den männlichen Friedhofsbesuchern, wie man seine weitere Zukunft zu gestalten gedenkt: mit oder ohne Partner. Ob man nun exakt die Kannenschnute nebst Griff oder vielleicht nur den Griff oder den Griff plus Ausgussrohr festhalten soll - wir haben nicht detailliert nachgefragt. Sondern uns nur lachend ausgetauscht über die findige Partnerbörse für betagte Singles, die mit der Suche im Internet nichts am Hut haben. Übrigens hat mir ein Rentner aus Dudweiler bestätigt, dass die Gießkannen-Prozedur durchaus gängige Praxis ist. Auch ihm war das Thema nicht fremd.

Beim nächsten Besuch auf dem Friedhof werde ich genau darauf achten, wer wie seine Pflanzen gießt. Und beobachten, wer hier wen beäugt und wer gegebenenfalls mit wem das Gelände verlässt. Merke: Wer auf den Friedhof geht, muss mit dem Leben noch längst nicht abgeschlossen haben.