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„Das Bad zum Gasthaus machen“

Damit die hochdefizitären Schwimmbäder im Saarland weniger Kosten verursachen, müssen sie nach Ansicht des Sportwissenschaftlers Kuno Hottenrott deutlich mehr Gäste gewinnen. Mit dem Präsidenten der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft und Professor an der Uni Halle-Wittenberg sprach SZ-Redakteur . Daniel Kirch

Herr Professor Hottenrott, die Finanzsituation der saarländischen Kommunen ist so desaströs wie in keinem anderen Bundesland. Was ist falsch daran, wenn auch die Schwimmbäder beim Sparen einen Beitrag leisten sollen?

Hottenrott: Die Bedeutung des Schwimmens in unserer Gesellschaft ist sehr groß. Wir müssen ein Schwimmangebot für die Schulen bereithalten. Wenn man nicht mehr flächendeckend Bäder zur Verfügung stellt, würde das in eine Spirale nach unten führen. Schwimmen ist ein Kulturgut, das von den Kommunen gefördert werden muss. Es hilft uns ja nichts, wenn immer weniger Kinder schwimmen können.

Trotzdem verursacht jedes Bad ein Defizit von hunderttausenden Euro im Jahr.

Hottenrott: Man muss sicherlich etwas tun, um den Kostendeckungsgrad zu verbessern. Es gibt Bäder, die nur zu zehn Prozent bezuschusst werden, und es gibt Bäder, die mit 50, 60 oder 70 Prozent bezuschusst werden. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Attraktivität der Bäder in den Fokus zu rücken. Das Bad muss zum Gasthaus werden. Die Bäder müssen Angebote machen, die viele Zielgruppen ansprechen und nicht nur Schwimmer. Wenn die Besucherzahlen steigen, trägt das auch dazu bei, die Betriebskosten zu minimieren.

An welche Zielgruppen denken Sie?

Hottenrott: Man könnte zum Beispiel viele Angebote für Senioren machen: Aqua-Fitness, Aqua-Jogging oder Gesundheitskurse - gerade in Zeiten, in denen die Bäder nicht richtig ausgelastet sind. Es sollten aber auch jüngere Gruppen stärker angesprochen werden, mit Veranstaltungen, die Event-Charakter haben, um die Menschen erst mal wieder ins Bad zu bringen. Das Bad muss als Freizeitangebot wahrgenommen werden. Das heißt nicht, die Badegäste einfach nur zu bespaßen. Regelmäßige attraktive Angebote sind sehr vernachlässigt worden, weil es zwischen den Bäderbetreibern keine Konkurrenz gibt. Die meisten stellen nur die Öffnungszeiten ins Netz und warten, dass die Gäste kommen.

Wenn die Bäder künftig zu "Gasthäusern" werden sollen, wie Sie sagen: Was sind sie eigentlich jetzt?

Hottenrott: Es sind Sportstätten, die man unter Aufsichtspersonal und unter reglementierten Bedingungen nutzt. Es sind keine Bäder, wo man herzlich empfangen wird, wo man in der Freizeit entspannen kann. Erholung, Geselligkeit, Gesundheit, Spiel - es gibt viele Punkte, die man stärker in den Fokus rücken könnte.

Sind dazu größere Investitionen nötig?

Hottenrott: Eigentlich nur in geringem Maß. Das Personal müsste sensibilisiert werden. Man müsste auch Geld in bestimmte Veranstaltungen stecken, aber die können ja auch wieder Geld einbringen. Ich glaube, am Geld wird es nicht scheitern. Bäderbetreiber und Personal müssen bereit sind, sich zu öffnen.

Im Saarland gibt es Streit darüber, ob der Versorgungsgrad mit Bädern besonders hoch ist oder nicht. Ein Gutachter verglich das Saarland mit dem Ruhrgebiet und mit Berlin und kam zu dem Ergebnis, dass es im Saarland zu viele Bäder gibt. Warum gibt es keine Kriterien, anhand derer man sagen könnte, das Saarland bräuchte eigentlich so und so viele Bäder?

Hottenrott: In der Tat gibt es keinen Bäderatlas für ganz Deutschland, wo man nach bestimmten Kriterien feststellen könnte, wie viele Bäder in einer Region notwendig sind. Wir wissen nicht einmal, wie viele Bäder es in ganz Deutschland gibt. Aber den Vergleich mit dem Stadtstaat Berlin und dem Ruhrgebiet halte ich für sehr problematisch. Dort gibt es eine ganz andere Infrastruktur - das kann man nicht einfach mit dem Saarland vergleichen.


Zum Thema:

Auf einen BlickInnenminister Klaus Bouillon (CDU ) lässt in seinem Ressort ein landesweites Bäderkonzept erarbeiten. Allerdings stellt er klar: "Ich treffe nicht die Entscheidung, welches Bad geschlossen wird." Sein Ministerium werde lediglich sagen, wie viele Bäder im Saarland ausreichen. Derzeit gibt es nach einer Zählung der Landesregierung 61 öffentliche Bäder in den 52 Saar-Kommunen. Unter der Schuldenlast haben in den letzten fünf Jahren bereits sieben Kommunen ein Bad geschlossen. Der Bäderbetrieb ist eine Aufgabe kommunaler Selbstverwaltung, weshalb Eingriffe des Landes schwierig sind. kir