Cold Water schlägt hohe Wellen

112 Euro sollen Hilfsorganisationen an einen Verein zur Hilfe für kindliche Brandopfer zahlen, wenn es ihnen innerhalb von 24 Stunden nicht gelingt, ein Video zu drehen. Der Wettstreit hat Befürworter und Gegner.

Schaumschlachten im Freien. Feuerwehrleute, lediglich mit Helm und Badedress bekleidet, die durch eine Waschstraße wetzen. Mächtige Wasserfontänen auf komplett in Montur stehende Lebensretter aus großen Schläuchen, wie sie im Kampf gegen Brände gebraucht werden. Videos über solche alles andere als ernst gemeinte Einsätze, zumeist mit viel Gelächter untermalt, kursieren zurzeit im weltweiten Computernetz. Daran beteiligt: auch Hilfsorganisationen aus dem Landkreis St. Wendel. Feuerwehren , Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk stiften sich gegenseitig dazu an.

Was hinter diesem Spaßwettbewerb steckt? Die Idee, Geld für Kinder zu sammeln, die Brandopfer wurden, um die sich der Verein Paulinchen kümmert. Der Name: Cold-Water-Challenge, zu Deutsch: ein Wettkampf, bei dem sich alles um kaltes Wasser dreht. Am Ende jedes Ultra-Kurzfilms rufen die darin aufgetretenen Laienschauspieler eine weitere örtliche Hilfstruppe auf, binnen 24 Stunden ebenfalls einen Streifen zu fabrizieren. Sollte ihr das nicht gelingen, muss sie 112 Euro an den Paulinchen-Verein zahlen.

Doch nicht überall kommt dieser Selbstläufer-Wettstreit an. Nicht überall sind Dienstherren amüsiert über das, was da ins Netz gestellt und zumeist auf der Plattform Youtube zu sehen ist. So ging der Schuss beispielsweise in St. Wendel nach hinten los. Die freiwillige Feuerwehr Kernstadt hatte dafür Kollegen mit viel Tatütata zu einer Waschstraße geschickt und den Clip ebenfalls online gestellt.

"Das war ein Fehler", wertet Klaus Bouillon . Der Bürgermeister, in Personalunion oberster Dienstherr der Wehr: "Es gab keine Genehmigung dafür." Das bezieht der Verwaltungschef auf die Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn über öffentliche Straßen - ohne dass dafür ein triftiger Grund vorgelegen habe. Laut Straßenverkehrsordnung sei es Rettungskräften nur dann gestattet, die Alarmsignale einzuschalten, wenn "Gefahr für Leib und Leben" bestehe. Und davon habe in diesem Zusammenhang ja wohl nicht die Rede sein können. "Ich habe interveniert." Darauf wurde das betreffende Video gesperrt.

Dirk Schmidt, Kreisbrandinspekteur, selbst leibhaftiger Darsteller in dem St. Wendeler Feuerwehr-Video, gibt den Fehler der fehlenden Genehmigung zu. "Grundsätzlich sind alle Veranstaltungen außerhalb der Wehrübungen vom Wehrführer oder der Kommune zu genehmigen. Das betrifft auch das Fahren mit Feuerwehrwagen im öffentlichen Verkehr. Das war hier nicht der Fall." Das habe "Diskussionen ausgelöst", wie Schmidt es beschreibt. Er versichert allerdings, dass "alle Unfallverhütungsvorschriften eingehalten" worden seien.

Doch damit nicht genug: Die Teilnehmer des Videos verbanden am Ende, anders als eigentlich die dahinterstehende Grundidee, ihren Aufruf an die nächste Hilfstruppe mit einem Grillfest für sich, sollten die Aufgeforderten binnen 24 Stunden das Video nicht fertig bekommen. Also keine Rede von dem karitativen Zweck.

Ein weiterer Grund für Bouillon , die Aktion zu stoppen. Aber: "Ich habe aus meinen Mitteln dem Paulinchen-Verein 500 Euro zur Verfügung gestellt." Damit stockte er den eigentlichen Betrag trotz Videoverbots sogar auf.

Offensichtlich geschickter stellten sich die Mitglieder des DRKs in Winterbach an. Sie produzierten einen gerade mal 46 Sekunden langen Beitrag. Dort hält ein DRKler einen Hinweis für die Paulinchen-Initiative in die Kamera. Zwei Kolleginnen übergießen ihn darauf mit zwei Eimern Wasser. Zum Schluss weist eine Texttafel auf eine 50-Euro-Spende an den Verein hin sowie folgt der Aufruf an die Winterbacher Feuerwehr, ans DRK in Primstal sowie an die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) in Urexweiler, sich ebenfalls zu beteiligen. Hier gab es bisher keine Kritik mit Konsequenzen.

Weitere Auswirkungen auf die Teilnehmer an dem umstrittenen Film der St. Wendeler Feuerwehr sind auch nicht bekannt. Außer dass der Film aus der Öffentlichkeit verbannt wurde.

Das Winterbacher DRK-Video und weitere Filme verschiedener Hilfsorganisationen aus dem St. Wendeler Land zur Paulinchen-Aktion sind auch auf der Facebook-Seite der St. Wendeler Zeitung kostenlos zu sehen. Hier diskutieren Leser.

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saarbrueckerzeitung.wnd

Bundesweit sorgt die Cold-Water-Challenge im Internet für Furore. Allerdings sind nicht alle von diesem Kaltes-Wasser-Wettstreit überzeugt. Insbesondere dann, wenn es um Versicherungsfragen geht. Deshalb hat der Landesfeuerwehrverband im Saarland in einem Schreiben seine Mitglieder aufgefordert, sich nicht daran zu beteiligen und auf Filmdrehs zu verzichten.

Dabei übernahm der Verband hier ein Schreiben, mit dem das Innenministerium in Baden-Württemberg, der dortige Landesfeuerverband sowie die Unfallkasse Baden-Württemberg (UKBW) auf die rechtlichen Probleme aufmerksam macht.

In dem der Redaktion vorliegenden Schreiben heißt es: "Wir fordern die Feuerwehren dringend auf, solche Aktionen zu unterlassen." Im Saarland verschickten diese Anweisung an die lokalen Wehren der Vorsitzende des Landesfeuerwehrverbandes, Detlev Köberling, sowie Landesbrandinspekteur Bernd Becker.

Bereits ein Todesfall

Unmissverständlich heißt es in dem Brief, dass die mit den Filmen verbundenen Aktionen "nicht vom Versicherungsschutz im Feuerwehrdienst abgedeckt" seien. Sollte es währenddessen zu Unfällen kommen, könnte von Richtern "grobe Fahrlässigkeit bis hin zum Vorsatz" in Betracht gezogen werden.

Außer den rechtlichen Konsequenzen im Klagefall befürchten Köberling und Becker, dass sich Feuerwehren mit den Videos der Lächerlichkeit preisgeben. Das Verständnis bei der Bevölkerung schwinde, wenn "mit Steuermitteln beschaffte Ausrüstung und Fahrzeuge offenkundig missbraucht werden".

Einige in den Kurzbeiträgen festgehaltene Szenen seien sogar gefährlich. Damit würden die Grenzen der Toleranz erreicht. Ohne den konkreten Fall und Unglückszeit zu benennen, steht in dem Brief darüber hinaus: "Ein Todesfall außerhalb der Feuerwehr gibt es leider schon zu beklagen."

Zum Thema:

Stichwort Paulinchen - Initiative für brandverletzte Kinder: Der gemeinnützige Verein besteht seit 1993 und arbeitet bundesweit. Gründerinnen sind Gabriela Scheler und Adelheid Gottwald. Auslöser: Auch ihre Kinder mussten wegen Feuerverletzungen von Spezialisten behandelt werden. Selbstgesteckte Aufgabe: Der Verein berät und begleitet Familien mit brandverletzten Kindern. Ziel ist, individuell bestmögliche Versorgung zu erreichen. Gleichzeitig warnt Paulinchen vor Gefahren durch heiße Flüssigkeiten und Flächen, Strom und Säuren. Nach Vereinsangaben verletzen sich so jährlich 600 Kinder in ganz Deutschland.Kontakt: Paulinchen - Initiative für brandverletzte Kinder, Segeberger Chaussee 35, 22850 Norderstedt ; Tel. (0 40) 52 95 06 66, Fax: (0 40) 52 95 06 88, E-Mail: info@paulinchen.de.paulinchen.de