Choreografie verbindet sich mit KalligrafieFarbenfroher Sattelschutz wirbt fürs Festival

Choreografie verbindet sich mit KalligrafieFarbenfroher Sattelschutz wirbt fürs Festival

In seinem Stück Les Corbeaux schlüpft der aus Ungarn stammende Choreograf Josef Nadj als Tänzer in die Haut der titelgebenden Raben. Mit seinem in schwarze Farbe getauchten Körper malt er die Bewegungen der Vögel auf Leinwand.

Saarbrücken. Es sind Alpträume, aus denen man am liebsten gar nicht erwachen würde, die Josef Nadj auf der Bühne inszeniert. In Frankreich scheint das Publikum geradezu süchtig zu sein nach den surrealen, magischen Traumwelten dieses Ausnahme-Choreografen, der aus einer ungarischen Enklave in der ex-jugoslawischen Wojwodina stammt.Beim Festival in Avignon werden seine neuen Kreationen stets mit größter Ungeduld erwartet. Auch Les Corbeaux (Die Raben), das nach der 2010 in Avignon gefeierten Premiere jetzt als Deutschlandpremiere zum Festival Perspectives nach Saarbrücken kommt. Sind es sonst oftmals Schriftsteller wie Borges, Kafka, Bruno Schulz oder Henri Michaux, die Nadj zu seinen Stücken inspirieren, so waren es diesmal, wie der Titel andeutet, Vögel. Eine Spezies, die den Naturliebhaber Nadj schon immer fasziniert. Gerade den Raben bringe man in vielen Ländern und Kulturen Misstrauen gegenüber, als Unglücksvögel. "In Ungarn dagegen bewundert man sie, sie stehen für Weisheit, langes Leben und Gedächtnis", weiß Nadj.

In Les Corbeaux schlüpft er als Tänzer in ihre Haut. "Ich versuche ihre Seite zu verstehen, wie sie die Welt sehen und uns darin, denn wir Menschen bedrohen sie sehr". Stattdessen könnten sie unsere Partner sein für einen neuen, bewundernden Blick auf die Welt, findet Nadj. Wie so oft geht es dem Ungarn auch hier um das "Mysterium der Existenz". Besonders für den Moment des Übergangs zwischen Himmel und Erde, wenn der Rabe aus dem Flug auf dem Boden landet, erste Schritte geht, sich umblickt, hat Nadj sich bei seiner Vogelbeobachtung interessiert. Diesen Moment interpretiert er in Les Corbeaux nicht nur tänzerisch, er malt ihn auch, mit seinem ganzen Körper, getaucht in schwarze Farbe, auf Leinwand. Choreografie verbindet sich so mit Kalligrafie. Nadj war schon immer ein Multi-Künstler, auch Bildhauer, Zeichner, Fotograf. Er studierte Kunst- und Musikgeschichte, bevor er sich dem Theater und Pantomime widmete und schließlich dem Tanz. Warum er diesem den Vorzug gab? "Wegen der Dynamik und der Freiheit im Umgang mit dem Körper und dem Raum", sagt Nadj. "Ich entdeckte, dass der Körper ein fantastisches Ausdrucksmittel ist, zugleich plastisch und musikalisch". Was nicht heißt, dass er die anderen Künste nicht miteinbezieht. Als Bildhauer hegt Nadj auch eine ausgeprägte Passion für das Bühnenbild. In Les Corbeaux nimmt er den Multinstrumentalisten Akosh S. als Dialogpartner hinzu.

Seine Compagnie begehe in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag, erzählt Nadj, Direktor des nationalen Choreografie-Zentrums in Orléans. Doch für eine Feier habe er gerade gar keine Zeit. "Ich muss mehrere Stücke vorbereiten und die neue Arbeit für Avignon fertigstellen", seufzt er. Wovon sie handelt, will Nadj nicht verraten. Sicher aber ist: Sie wird vom Publikum wie immer gespannt erwartet.

Les Corbeaux (Die Raben) von Josef Nadj am Dienstag, 29. Mai, 21 Uhr/ Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr, im Rahmen des Festivals Perspectives in der Buswerkstatt, Quartier Eurobahnhof, Saarbrücken.

festival-perspectives.de

Saarbrücken. Punkt halb elf in der Nacht fahren sie aus allen Richtungen mit ihren Drahteseln vor dem Saarbrücker Hauptbahnhof vor: Neun hübsche jungen Damen mit prall vollen Stoffbeuteln über der Schulter. Nanu, was könnten die im Schilde führen? Da tritt der Sicherheitsbeamte der Bahn doch mal lieber kurz vor die Tür, und verschränkt abwartend die Arme. Man weiß ja nie. Wie ein Schwarm fällt die Gruppe jetzt über die Fahrradabstellanlagen her. Knapp drei Minuten später ist es vollbracht: Alle Fahrradsättel, mindestens hundert, leuchten in der Dunkelheit nun in Orange. "I love Perspectives", das "love" in Herzform, steht auf den Plastikkapuzen, die die Frauen den Sätteln übergestülpt haben. "Wie nennt man das - Sattelschutzhüllen? - in Französisch haben wir dafür gar kein Wort", sagt Marion Touze, die Perspectives-Pressefrau kichernd über das neue Werbemittel, mit dem das deutsch-französische Festival in diesem Jahr zusätzlich für Aufmerksamkeit sorgen will. "Ich habe selbst auf meinem Rad hier am Bahnhof so so eine bunte Hülle vorgefunden", erzählt Festivalchefin Sylvie Hamard. "Da dachte ich, das ist doch mal ne nette Idee".

Choreograf Josef Nadj auf der Bühne: links in Farbe getaucht in einer Szene aus dem Stück Les Corbeaux (Die Raben), das während des Festivals Perspectives als Deutschlandpremiere zu sehen ist, rechts ohne Farbkostüm. Fotos: Rémi Angel/ Jean-Louis Fernandez.
Hilke Wesner, Marion Touze, Marischa Weiser (v.l.n.r.) vom Organisationsteam des Festivals Perspectives. Foto: Silvia Buss.

2000 orangene Exemplare hat sie herstellen lassen, die sie in dieser Nacht mit ihrer Crew in der ganzen Innenstadt verteilt. In nur zwanzig Minuten haben die radelnden Perspectives-Frauen sämtliche abgestellten Zweiräder zwischen Bahnhof, St. Johanner Markt und Nauwieser Viertel versorgt. "Das kommt ja jetzt goldrichtig" freut sich eine Radlerin über das Werbegeschenk, als ein Regenschauer einsetzt. "Denn mein Sattel färbt bei Nässe ab". Wasserdicht, stellt sich heraus, sind die Hüllen leider nicht. Sonst hätte die Lieferzeit noch länger gedauert, erfährt man. "Macht nix", meint die Beschenkte, die sich das Festival ansehen will. "Auf jeden Fall sind sie hübsch." sbu