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Chefbürokratin rückt Schlüssel nicht rausNarren zwingen Rathaus-Boss aufs RadFastnachter-Adel rollt wieder in Autos mit Stern durch die Stadt

Chefbürokratin rückt Schlüssel nicht rausNarren zwingen Rathaus-Boss aufs RadFastnachter-Adel rollt wieder in Autos mit Stern durch die Stadt

Saarbrücken. Auch wenn die Saarbrücker Karnevalisten am Fetten Donnerstag zwei Sprecher ins Rennen schickten, um Oberbürgermeisterin Charlotte Britz die Stirn zu bieten: Die fastnachtserfahrene Verwaltungs-Chefin behauptete sich in der Redeschlacht gegen den "M'r-sin-nit-so"-Vizepräsidenten Albert Kindl und die "Quassler"-Literatin Beatrix Brauner

Saarbrücken. Auch wenn die Saarbrücker Karnevalisten am Fetten Donnerstag zwei Sprecher ins Rennen schickten, um Oberbürgermeisterin Charlotte Britz die Stirn zu bieten: Die fastnachtserfahrene Verwaltungs-Chefin behauptete sich in der Redeschlacht gegen den "M'r-sin-nit-so"-Vizepräsidenten Albert Kindl und die "Quassler"-Literatin Beatrix Brauner. Die hat die Saarbrücker Narrenrunde ausgewählt, weil ihre Gesellschaften in der laufenden Session närrische Jubiläen feiern. Die Quassler werden 55, die "M'r sin nit so" sogar schon 14-mal elf Jahre alt.

Zwar ließ sich die als Hexe verkleidete Hausherrin von den bunten Kostümen und der Akrobatik der Tanzmariechen beeindrucken. Die revoltenerprobte Regentin in der Bürokratentrutzburg kam sogar, wie's schien, ins Wanken.

Aber bloß, weil sie zu den Melodien im Dreivierteltakt gern mitschunkelt. Und den hölzernen Rathausschlüssel, den rückte sie, aufs Hausrecht beharrend, noch nicht heraus. Sie nahm die begehrte Insignie der Macht mit einem siegessicheren Lächeln wieder mit in ihre Amtsstube.

Nach den gestern gescheiterten Übergabeverhandlungen müssen die Narren am Samstag erneut gegen die Rathauspforte anrennen.

"Was ist hier los in meinem Haus? Was für Gestalte, ach du graus. Der Anblick lässt mich glatt erstarre, was hier herumsteht - lauter Narre", begann die Britz das poetische Wortgefecht. Kindel ging gleich in die Offensive: "Wir fordern hier in unserer Tracht, wir Narre müssen an die Macht. Du kriegst von mir e dicker Kuss, dafür ist mit deiner Regentschaft Schluss. Dazu ein scheener Blumestrauß, dafür rückst du den Schlüssel raus." Doch die Angegriffene blieb stur: "Das alles hier ist mein Revier, das Rathaus ist und es bleibt mir."

Brauner versuchte zu überzeugen: "Gugg dich mol um unn sei gescheit unn nutze die Gelegenheit, zu erkennen glattweg, Widerstand hat keinen Zweck."

Doch die Oberbürgermeisterin, die schon zu ihren Zeiten als Sozialdezernentin das Rathaus des Öfteren verteidigte, weiß, dass gegen Narren nur Frechheit siegt: "Mit diesen Pappnasengestalte willst du unsere Stadt verwalte? Schaff dich mit deine Narre weg, ihr seid noch schlimmer als die Fregg." Also probierten es die Angreifer mit karnevalistischer Kunst: Die Jesse-Lehn-Combo spielte Schunkler. Die "M'r-sin-nit-so"-Tanzmariechen Désirée Stephan und Anna Jochum - sie ist sogar amtierende Saarlandmeisterin - tanzten durch den Rathausfestsaal. Die Minigarde der Saarbrücker Narrengilde und die Prinzengarde der Bübinger Holzäppel zeigten ihre Choreographien. Die Klarenthaler Quassler schickten ihre "Drei Tenöre" ins Rennen. Alles vergebens. Britz blieb bei ihrem strikten "Nein". So müssen die Saarbrücker Karnevalisten wie gehabt am Samstag erneut gen Rathaus stürmen, doch der Plan ist bereits ausgearbeitet. Die Karnevalisten hoffen auf die Unterstützung sämtlicher Saarbrücker Fastnachtsfreunde. Die närrischen Aufrührer wollen sich bei der Marktfaasend auf dem St. Johanner Markt treffen und sich spätestens ab 9 Uhr für den Rathaussturm warmschunkeln. Gegen 11 Uhr stehen sie vor dem Rathaustor, um der Oberbürgermeisterin endgültig den Schlüssel zu entreißen. Kleinblittersdorf. "Die Angst steht Ihnen ins Gesicht, denn unsere Streitmacht hat Gewicht. Wir schlagen gleich mit voller Wucht die Sesselfurzer in die Flucht", rief Jürgen Grossner, der Präsident der Karnevalsgesellschaft "Die Rebläuse", gestern Nachmittag vor dem Kleinblittersdorfer Rathaus. Aus einem Fenster im zweiten Stock zeigte Bürgermeister Stephan Strichertz sicht trotzig. "Ich bin der Chef und bleib' im Haus, wegen euch komm ich bestimmt nicht raus. Für Narren gibt's hier keinen Platz, das ist und bleibt mein letzter Satz", rief er. Doch schon gab Grossner den Befehl zum Rathaussturm. Mit Getöse und unterstützt von Böllerschüssen des Schützenvereins Hubertus aus Sitterswald stürmten die Aufständischen von der Oberen Saar das Rathaus.

Aus allen fünf Ortsteilen waren sie gekommen, um den Regierungswechsel bis Aschermittwoch zu erzwingen. Bei der Verteidigung seiner Amstsstuben half dem Bedrängten letztlich nicht, dass Freunde von der anderen Seite der Grenze herbeigeeilt waren. Der französische Bürgermeister Joël Niederländer und sein Gefolge wurden ebenso wie Strichertz und die Ortsvorsteher aus der Gemeinde festgenommen. "Das ist eine tolle Tradition, die ihr hier habt. Bei uns gibt es so etwas leider nicht. Aber wir sind gerne hier und kommen nächstes Jahr wieder", sagte Niederländer, der anschließend mit Bürgermeister Strichertz das "umweltfreundlichste Kraftwerk der Welt" eröffnete. Oder besser gesagt, eröffnen musste.

Die Narren nahmen Strichertz, der sich als Freund des umweltfreundlichen, selbst erzeugten Stroms versteht, beim Wort und setzten die Politiker zur Stromproduktion auf Fahrräder mit Dynamos. Und unter lauten Alleh-hopp-Rufen und donnernder Fastnachtsmusik fingen die Politiker an zu strampeln, bis die Lampen glühten.

Mehreren hundert Faasebòòze gefiel die wieder einmal originelle Prozedur vor dem Kleinblittersdorfer Rathaus. Und so wurde auch nach dem Sturm im großen Festzelt und im Rathaus der Beginn der Straßenfastnacht gefeiert.

Der Höhepunkt der Kleinblittersdorfer Narretei beginnt am Sonntag um 14.11 Uhr.

Dann startet am Brichelberg der große Fastnachtsumzug durch den Ort mit anschließender Party in der Spiel- und Sporthalle. Saarbrücken. Die Fastnacht braucht, sobald sie sich als närrischer Umzug aus Fußgruppen und prächtigen Wagen lautstark auf den Straßen bemerkbar macht, geeignete Transportfahrzeuge für die Freunde des Frohsinns. Das gilt natürlich auch in Burbach, wo am Rosenmontag 150 000 Narren den Weg des größten saarländischen Zuges säumen werden.

Und vorneweg wird eine schicke Spende rollen. Bereits zum 11. Mal übergab gestern die Mercedes-Benz-Niederlassung Saarbrücken der Burbacher Karnevalsgesellschaft "Mir sin do" einen Mercedes SL für den Umzug. Die Niederlassung stattet nicht nur die Burbacher Zug-Organisatoren mit einem flotten Gefährt aus. Wie die Burbacher durfte sich das Prinzenpaar Ramon I. und Silvia I. der Karnevalsgesellschaft "M'r sin nit so" über ein Cabrio mit Stern freuen. Den fahrbaren Untersatz sponserte das Autohaus zum Jubiläum der Gesellschaft, die vierzehn mal elf Jahre feiert. bub

"Schaff dich mit deine Narre weg, ihr seid noch schlimmer als die Fregg."

Charlotte Britz zu Beatrix Brauner von den Quasslern