Chaos-Familie mit Starbesetzung

Im Sommer wird Andreas Gergen bei der deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals „The Addams Family“ im Merziger Zeltpalast Regie führen. Derzeit ist „Der Besuch der alten Dame“ im „Ronacher“ in Wien zu sehen; auch dieses Musical inszenierte der gebürtige Saarlouiser. Über beide Arbeiten unterhielt sich SZ-Redakteurin Melanie Mai mit dem Regisseur, der auch Operndirektor am Landestheater Salzburg ist.

Kürzlich wurde er in Wien bei der Neuproduktion des Musicals "Der Besuch der alten Dame" als Alfred III gefeiert. Nun bestätigt M&T: Uwe Kröger wird mit der Darstellung des Gomez Addams die männliche Hauptrolle übernehmen und alle Vorstellungen im Festivalsommer 2014 spielen.

"Musik & Theater Saar"-Geschäftsführer Joachim Arnold: "Wir sind sehr froh, mit Uwe Kröger eine der Galionsfiguren des Genres für diese Hauptrolle verpflichten zu können. Uwe hat sich schon bei der ‘Hairspray'-Produktion im Saarland sehr wohl gefühlt, und ihn hat die Rolle des impulsiven Latino-Familienoberhaupts der Addams Family besonders gereizt. Wir sind sicher, dass wir durch seine Mitwirkung auch eine große Zahl auswärtiger Musical-Fans aus dem ganzen deutschsprachigen Raum ins Saarland locken können."

Das Casting für das 20-köpfige Ensemble ist fast abgeschlossen. Edda Petri, eine der saarländischen Schauspiel-Ikonen, übernimmt die Rolle der kühl-dominanten und sehr langbeinigen Familien-Chefin Morticia, Musical-Jungstar Dominik Hees spielt den Lucas Beineke, Jana Stelley die Addams-Tochter Wednesday. Das nur scheinbar spießige Ehepaar Alice und Mel Beineke wird von April Hailer und Hans Neblung interpretiert, und Anne Welte, ein weiteres Musical-Urgestein, übernimmt die Rolle der Grandma.

Aktuell werden noch 12- bis 14-jährige Jungs für die Rolle des Addams Sohnes Pugsley gesucht. Voraussetzung ist Talent in Darstellendem Spiel, Tanz und Gesang, und der Stimmbruch darf noch nicht eingetreten sein. Interessenten dafürkönnen sich gerne per E-Mail an info@musik-theater.de wenden. Die zwölfköpfige Live-Band im Zeltpalast steht unter der Leitung von Tobias Deutschmann. Regie führt Andreas Gergen, der Choreograf ist Danny Costello, der gerade in Berlin an der Komischen Oper arbeitet, Bühne Christian Floeren und Kostüme Ulli Kremer.

Insgesamt sind in den sechs Spielwochen 30 Vorstellungen des Musicals im Zeltpalast geplant. Premiere ist am 22. August, die letzte Vorstellung findet am 28. September statt. Die Vorstellungen beginnen freitags 20 Uhr, samstags 14 Uhr und 20 Uhr, sonntags 16 Uhr. Karten kosten zwischen 28 und 65,40 Euro. Die Premiere von "Der Besuch der alten Dame" in Wien ist geschafft. Worauf sind Sie besonders stolz?

Andreas Gergen: Ich liebe diese Produktion und stehe zu 100 Prozent zu jeder Entscheidung, die wir im Vorfeld getroffen haben. Es ist uns gelungen, eine eigenständige Musicalfassung der Originalvorlage zu erarbeiten, die viele Menschen erreichen kann. Auch emotional. Bereits während der Aufführungen haben wir sowohl die direkten Zuschauerreaktionen erleben dürfen, als auch anhand von Fragebögen um persönliches Feedback gebeten. Das fiel extrem positiv aus. Dabei wurde ermittelt, dass 92 Prozent der Zuschauer das Stück weiterempfehlen und 80 Prozent es sich noch einmal anschauen würden. Deshalb sind die nächsten vier Wochen auch nahezu ausverkauft. Nach der Premiere hat mir ein Schweizer Theatermann, der Dürrenmatt noch sehr gut persönlich kannte, das größte Kompliment überhaupt gemacht: Das hätte Dürrenmatt gefallen. Besonders die lustigen Szenen. Das ist genau sein Humor.

Plaudern Sie etwas aus dem Nähkästchen: Was war das Besondere an dieser Regie-Arbeit, an den Proben? Seit wann wurde geprobt?

Gergen: Wir arbeiten nun seit zwei Jahren am "Besuch der alten Dame". Es gab mehrere Workshops und eine Tryout-Produktion in der Schweiz. Die jeweilige Fassung wurde schließlich überarbeitet und verbessert. Dies ist eine Entwicklungs-Technik von Musicals, wie sie in den USA üblich ist. Uwe Kröger und Pia Douwes waren von Anfang an dabei und konnten somit in die Charaktere hineinwachsen. Die Proben für Wien begannen dann Anfang Januar. Hier galt es, die bisherigen Erfahrungen und Ergebnisse in das neue Bühnenbild zu transferieren. Das Bühnenbild ist sehr beeindruckend, und die Zusammenarbeit mit dem Star-Designer Peter Davison war sehr inspirierend.

Bis in die Nebenrollen ist das Stück top besetzt. Macht es die Arbeit leichter, wenn man mit den Top-Stars der Branche zusammenarbeitet? Oder etwa schwieriger?

Gergen: Ich würde die Top-Stars nicht besetzen, wenn sie nicht zu 100 Prozent in die Rollen passen würden. Ich würde weder mir, noch den Darstellern einen Gefallen damit tun. Außerdem wären sie keine Stars, wenn sie nicht außerordentlich gut wären. Das ist natürlich toll für einen Regisseur, mit besonders talentierten und erfahrenen Darstellern arbeiten zu dürfen. Die Arbeit an den Rollen war sehr persönlich, da die Rollen immer auf der Psychologie und den persönlichen Erfahrungen der Darsteller basieren. Es gab sehr viele persönliche Gespräche über die grundlegenden Themen des Stückes: Rache, Liebe, Selbstverantwortung und Verführbarkeit.

Gibt es ein Lied, das Ihnen besonders am Herzen liegt? Oder eine Szene?

Gergen: Ich mag sehr die Jagd-Szenen, wenn die Güllener den Panther der Zachanassian mit Gas zur Strecke bringen wollen. Alfred Ill merkt darin, dass er der eigentlich Gejagte ist. Es ist der Beginn seines Alptraums, in der ich viele verstörende Elemente ins Spiel gebracht habe, beispielsweise Gasmasken und eine Selbstgeißelungsszene des Pfarrers. Außerdem gefallen mir die Flashback-Szenen, in denen wir sehen, was vor 30 Jahren in Güllen geschah. Dabei erleben wir die junge Claire und den jungen Alfred sogar in einer Was-wäre-gewesen-wenn-Szene: Alfred und Claire als glückliches Paar mit ihrer - toten - Tochter Geneviève. Diese Szene verstärkt das Drama des heutigen Paares, dessen Chancen auf Glück vertan sind.

Wie schafft es ein solches Stück, über die Jahre aktuell zu bleiben?

Gergen: Ich versuche in meinen Regien immer relevant für ein heutiges Publikum zu arbeiten. Dürrenmatt hat sein Schauspiel als Parabel auf die Nachkriegs-Gesellschaft geschrieben. Ich habe dabei die Themen aufgegriffen, die uns heute angehen: Rückgratlosigkeit und fehlendes Verantwortungs-Bewusstsein. Damit räumt Claire Zachanassian auf.

Mit Uwe Kröger haben Sie schon öfter zusammengearbeitet? Wird er auch wieder im Sommer nach Merzig kommen?

Gergen: Uwe ist ein toller Schauspieler, der geradezu mit Lust ein neues Rollenfach für sich entdeckt. Nachdem Uwe sehr lange die Liebhaber- und Helden-Typen gespielt hat, bieten sich für ihn nun die Charakterrollen, in denen er schauspielerisch brillieren und andere Seiten von sich zeigen kann. Ich würde mich freuen, wenn Uwe in Merzig wieder mit von der Partie wäre, aber das steht noch nicht fest, da er zurzeit sehr viele Angebote hat. Auf jeden Fall sind wir im Gespräch, und ich drücke die Daumen!

Gibt es schon Neues zur Besetzung der "Addams Family" zu sagen? Wann sind die Auditions, wann beginnen die Proben?

Gergen: Die Auditions haben bereits Ende letzten Jahres in Berlin stattgefunden. Der Casting-Prozess ist wie ein Puzzle, das sich allmählich vervollständigen muss. Ich denke im März sind wir komplett, aber ich kann jetzt schon sagen, dass wir einige bekannte Namen aus der Musical-Branche dabei haben werden. Die Proben beginnen Ende Juli. Die Probenzeit ist mit vier Wochen relativ kurz und muss effizient genutzt werden.

Sie sind in Saarlouis geboren, wie lange haben Sie im Saarland gelebt?

Gergen: Ich wurde 1973 in Saarlouis geboren und habe 1995 für mein Studium an der Hochschule der Künste in Berlin das Saarland verlassen. Bis heute ist mein fester Wohnsitz Berlin, trotz meiner Arbeit in Salzburg, Wien oder in der Schweiz. Irgendwo muss man seinen Anker werfen und in meinem Falle ist das Berlin.

Haben Sie noch Verbindungen zum Saarland, wie oft sind Sie hier?

Gergen: Meine Eltern haben bis heute einen Bäckerei-Betrieb in Roden, der mittlerweile von meinem Bruder geführt wird. Erst letzten Sonntag war ich zur Diamantenen Hochzeit meiner Eltern im Saarland. Die Beziehung zu meiner Familie und deren Rückhalt ist mir sehr wichtig.

Ist es für einen Künstler etwas Einzigartiges, ausgerechnet in Wien, der Stadt der Musik, arbeiten zu dürfen?

Gergen: Wien ist ein heißes Pflaster, gerade, was das Genre Musical angeht. Hier gab es den berühmten Musical-Boom in den 80er-Jahren, als Peter Weck "Cats" nach Europa holte. Es folgten "Das Phantom der Oper", "Elisabeth" und "Der Tanz der Vampire". Seitdem ist Wien eine internationale Musical-Metropole. Trotzdem ist das Verhältnis der Wiener zu diesem Genre eher gespalten. Die Presse geht meist sehr kritisch bis böse damit um. Das ist mit dem Aufeinandertreffen der Hochkultur dieser Stadt und der Pop-Kultur des Musicals zu erklären. Es weht also ein besonders raues Lüftchen in dieser Stadt, auch was die Kulturpolitik betrifft. Trotzdem ist es für mich eine große Ehre, mit "Der Besuch der alten Dame" in die Fusstapfen der bisherigen Wiener Musical-Klassiker zu treten.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Gergen: Zunächst kehre ich an meinen Arbeitsplatz als Operndirektor ans Salzburger Landestheater zurück. Hier betreue ich Mozarts "La Clemenza di Tito" und die moderne Oper "Émilie" dramaturgisch. Ab Sommer reihen sich dann wieder die eigenen Regiearbeiten: "Sunset Boulevard" in Tecklenburg, "The Addams Family" in Merzig, "Shrek-Das Musical" in Düsseldorf, "Im weißen Rössl" und "Fidelio" in Salzburg. Es gibt viel zu tun!

theaddamsfamilymusical.de

musicalvienna.at

musik-theater.de

uwekroeger.com

Vor zwei Jahren stand Uwe Kröger bei Hairspray auf der Zeltpalast-Bühne. Foto: Rolf Ruppenthal. Foto: Rolf Ruppenthal

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Auf einen BlickDie deutschsprachige Erstaufführung des Broadway-Musicals "The Addams Family" ist im Sommer im Zeltpalast Merzig. Regie in dieser Neuproduktion führt Andreas Gergen, die Choreografie übernimmt Danny Costello. Beide Künstler waren auch bei "Hairspray" dabei. Die Handlung: Eine höchst liebenswerte Ansammlung von Exzentrikern lebt in der verfallenen Villa mitten im Central Park - und dort spukt es ganz gewaltig. Familienoberhäupter sind die elegant-unterkühlte (und offenbar un-tote) Morticia und ihr Gatte, der ihr in Liebe ergebene heißblütige Gomez. Gomez erlebt den Albtraum eines jeden Vaters: Seine 18-jährige Tochter Wednesday, selbst ernannte "Prinzessin der Finsternis", hat sich verliebt. Ihr Auserwählter, Lucas Beineke, stammt allerdings aus einer höchst normalen Familie. Wednesday vertraut sich ihrem Vater an und beschwört ihn, der strengen Mutter nichts davon zu sagen. Die Situation droht zu eskalieren, als Familie Beineke ihren Antrittsbesuch bei den Addams und ihrer zukünftigen Schwiegertochter ankündigt.Die Musicalkomödie mit Musik und Songtexten von Andrew Lippa und dem Buch von Marshall Brickman und Rick Elis erlebte 2010 ihre erfolgreiche Broadway-Premiere und wurde dort weit mehr als 700 Mal gespielt. Die Charaktere basieren auf den Cartoons von Charles Addams. red