Besucher erleben begehbare Kunst im Kultusministerium

Ein neu formiertes Kollektiv um das Duo Katharina Bihler und Stefan Scheib zeigt im Kultusministerium sehr detailfreudig den Prozess, wie Kunst entsteht. Dabei folgt das Publikum Worten, Klängen und Bildern.

Man kann darüber reden, wie Kreativität entsteht, oder man schaltet sich direkt in den Prozess hinein. Dazu machte sich ein neu formiertes Kollektiv um das Duo Katharina Bihler und Stefan Scheib in die Festsäle des Kultusministeriums auf, um dort begehbare Kunst zu schaffen, indem sie detailfreudig wie sorgfältig zeigt, wie sie entsteht. Da ist es geradezu Pflicht, die Zeit erlebbar zu machen, die darüber verging. Verging, das ist im Wortsinn zu verstehen. Denn der Gast läuft mit dem MP3-Player mit 27 Hörstücken im Ohr und einem Streckenplan in der Hand der Zeit hinterher und folgt dem andauernden Prozess einer schleichenden Infizierung mit Assoziationssucht, deren Ausgang eine Begegnung mit einem kauderwelschenden Touristen in Prag war, worauf der Titel der Installation Bezug nimmt: Seine Ehefrau sei ein wenig unpässlich oder: "My Wife is a little kränk".

Daraufhin begann die zeitgenössische Version einer "Stillen Post" in Gestalt eines sechsmonatigen Email-Kreisverkehrs über Texte, Bilder und Handlungsanweisungen zwischen der Bratschistin Monika Bagdonaite, dem Cellisten Julien Blondel, dem Kontrabassisten und Klangkünstler Stefan Scheib, der Sprecherin und Texterin Katharina Bihler und dem Maler, Filmer und Zeichner Klaus Harth. Die von ihnen ausgelegten Ein- und Ausfallstraßen abzugehen, heißt dann für das Publikum, den Worten, Bildern und Klängen zu folgen. Es heißt, nachzuvollziehen, wie ein solcher kreativer Prozess beim Gang durch die drei Säle nach gezwungen komischen Anfängen zunehmend freier wird und die Mitspieler sich ausschweifend, aber nie undiszipliniert ihren Assoziationen überlassen. Schraffuren verdichten sich in einem Film zum Block, aus dem Block wird eine Zeichnung und ein Haus, aus dem Haus Noten, aus den Noten Teile eines Puzzles oder Mosaiks, das in Foto, Zeichnung, Objekten, Musik und Text Gestalt findet. Bis man am Ende zum Anfang zurückkehrt: zum Kopf. "Mach dir bloß keinen Kopf", lautet die Empfehlung, sondern, so ergänzt man, überlasse dich den Bilderfolgen. Dazu ist das Publikum eingeladen, indem es Zeichnungen fertigt und Worte schreibt. Die werden am Ende der einstündigen Tour durch die Windungen kreativer Köpfe live vom "Wife"-Kollektiv in Musik, Zeichnung und Sprache weiterverarbeitet. Denn Assoziationssucht ist zum Glück ansteckend.

Nächste Aufführungen am Freitag, 29. November, und Samstag, 30. November, jeweils um 20 Uhr in den Festsälen des Kultusministeriums (Eingang Keplerstraße 21, gegenüber dem Umweltministerium).