| 20:56 Uhr

Besser als „Scheich Google“

Ismail Yigit, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde (Ditib) Saarbrücken, der Imam Hüseyin Yakar und Nurdan Shahin (v.l.) zeigten die Moschee in der Hohenzollernstraße. Fotos: Rich Serra
Ismail Yigit, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde (Ditib) Saarbrücken, der Imam Hüseyin Yakar und Nurdan Shahin (v.l.) zeigten die Moschee in der Hohenzollernstraße. Fotos: Rich Serra
Saarbrücken. Beten Sie auch auf Deutsch? Und warum kann keine Frau Imam werden? Viele Fragen gab es und nur wenig Zeit: Am „Tag der offenen Moschee“ haben sich gestern die drei größten islamischen Gemeinden in Saarbrücken vorgestellt. Eines wurde dabei deutlich: Trotz der gemeinsamen Botschaft gibt es beachtliche Unterschiede. Fatima Abbas

Es ist wie eine Sure aus dem Koran: nur ein Ausschnitt, ein flüchtiger Einblick. Und doch hinterlässt sie Eindruck, diese Busrundfahrt zu den drei größten islamischen Gemeinden in Saarbrücken . Rund 50 Teilnehmer haben sich das von der Stadt organisierte Angebot nicht entgehen lassen. Dass der "Tag der offenen Moschee " mit dem "Tag der Deutschen Einheit" zusammenfällt, ist kein Zufall.



Die klare Botschaft: Wir Muslime wollen auch Teil der Gesellschaft sein. Ganz gleich ob Schiiten, Sunniten oder Aleviten . "Wir haben bewusst unterschiedliche Glaubensrichtungen für diesen Rundgang gewählt", erklärt Programmleiter Asgar Abbaszadeh während der Busfahrt zu Ziel Nummer eins, der Alevitischen Gemeinde in Gersweiler. Dort lockt der Klang einer Laute die Besucher in den Gebetssaal. Gemälde von zwölf Imamen hängen über goldenen Säulen an der Wand.

"Wieso ist ein Imam nur verschwommen zu sehen?", möchte eine Besucherin wissen. Das Interesse ist zu groß für die sehr knapp bemessene Zeit von 45 Minuten. Dennoch bemühen sich die Vorsitzenden, Faruk Özdemir und Muharrem Özgür, zu erklären, was Aleviten von anderen Muslimen unterscheidet. Musik gehört zu den religiösen Ritualen. Männer und Frauen beten gemeinsam. "Man sitzt hier von Angesicht zu Angesicht", sagt Özgür. Eine Orientierung Richtung Mekka gibt es beim Beten nicht. Es besteht auch keine Pflicht, den Pilgerort im Laufe seines Lebens zu besuchen.

Das sind Unterschiede, die nicht so viel Konfliktpotenzial bergen wie das, was immer wieder zu Konfrontationen zwischen Sunniten und Aleviten führt: die politische Situation in der Türkei und der Einfluss Erdogans. "Politik spaltet uns", sagt Özdemir. Dennoch sei man stets um den Dialog zwischen den Gemeinden bemüht.

Auch Manfred Petry vom Vorstand der Islamischen Gemeinde Saarland (IGS) in Burbach beschwört die Eintracht zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. In der IGS treffen sich jede Woche 400 bis 700 Gläubige zum Freitagsgebet, an Ramadan seien es bis zu 2000. Die Gemeindemitglieder arbeiten ehrenamtlich. Nur der Imam ist fest angestellt. "Wir sind überfordert", sagt Mehdi Harichane, zweiter Vorsitzender der Gemeinde.

Er betont immer wieder die Tragweite der Integrationsarbeit, die die überwiegend arabischsprachige Gemeinde leiste: "Wir können nicht alles dem Scheich Google überlassen. Unsere Aufgabe ist es, die jungen Menschen aufzuklären." Frauen und Männer beten in Burbach in unterschiedlichen Räumen.

Das ist auch bei Ditib der Fall. Die Türkisch-Islamische Gemeinde in der Alt-Saarbrücker Hohenzollernstraße ist die dritte und letzte Station an diesem Nachmittag. Die Besucher setzen sich auf Stühle oder auf den Boden. Im Unterschied zum Gebetssaal der Aleviten sind Imam-Gemälde hier undenkbar. Dafür gibt es Verzierungen und Kalligrafien. In der Mitte eine Gebetsnische, rechts die Predigtkanzel. Der Höhepunkt: ein Muezzin-Ruf live ins Mikrofon.

Am Wochenende ertönt der Ruf zum Gebet, den die Besucher heute miterleben dürfen, fünfmal am Tag. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Nurdan Shahin erklärt das Gebet, die vielen Lobpreisungen.

Sie übersetzt die Worte des Imams, erläutert, weshalb Muslime im Zwiegespräch mit ihrem Herrn niederknien: "Wenn ein Mensch in der Wüste ist und dort dann eine Oase und Datteln findet, was würde er dann tun? Er würde sich fallen lassen und sich bedanken." Jedes Wochenende kommen 50 Kinder und Jugendliche zwischen 14 und 15 Jahren in die Gemeinde. Dort gibt es wie in Burbach Koranunterricht. Den Imam entsendet die Türkei.

"Warum gibt es keine weiblichen Imame?" Shahin leitet die Frage an den Gelehrten weiter. Seine Antwort: Das hätten Gott und der Prophet nicht vorgesehen. "Aber das bedeutet nicht, dass Frauen weniger wert sind", betont Shahin. Frauen seien gleichwertig, aber nicht gleich. Ein Standpunkt, der immer wieder Fragen aufwirft. Auch bei einer Besucherin, die lieber anonym bleiben will. Sie kennt sich gut mit dem Islam aus, besucht die Gemeinden in Saarbrücken regelmäßig. "Ich zanke mich dann immer mit den Männern und bete einfach im großen Gebetssaal mit, auch wenn sie mich in den Frauensaal schicken wollen", sagt sie und lacht. Sie findet es wichtig, dass es Gelegenheiten wie den "Tag der offenen Moschee " gibt.

Das findet auch der Saarbrücker Stefan Oßwald: "Man weiß sonst nichts darüber. In der Schule erfährt man ja nichts."

Manfred Petry (links), 1. Vorsitzender und Sprecher der Islamischen Gemeinde Saarland, in Burbach mit dem 2. Vorsitzenden der Gemeinde, Mehdi Harichane, im Gebetssaal der Moschee.
Manfred Petry (links), 1. Vorsitzender und Sprecher der Islamischen Gemeinde Saarland, in Burbach mit dem 2. Vorsitzenden der Gemeinde, Mehdi Harichane, im Gebetssaal der Moschee.
Hier ist die Gruppe in der Alevitischen Gemeinde Gersweiler.
Hier ist die Gruppe in der Alevitischen Gemeinde Gersweiler.