Berufswahl ist keine Frage des Geschlechts

Rollenklischees durchbrechen und einen ersten Kontakt mit der Berufswelt aufnehmen - das ist die Idee des Girls Day beziehungsweise des Boys Day. Im Saarland haben tausende Jugendliche teilgenommen.

Saarbrücken. Sie hatten zwar nicht die arbeitstypische Kleidung an, aber dennoch legten sie sich mächtig ins Zeug. Tara Bläsing, 13, und Jenny Buhles, 12, aus der Gesamtschule Neunkirchen probierten sich gestern beim Girls Day als Stuckateurinnen. Sie lernten Verputzungstechniken und gestalteten ein Stück Hauswand, stets unter der Aufsicht von hilfsbereiten Lehrlingen im Ausbildungszentrum (ABZ) der AGV Bau Saar. "Es ist anstrengend, aber es macht auf jeden Fall Spaß", sagt Bläsing.Das ABZ hatte mit knapp 50 Anmeldungen den größten Zulauf beim diesjährigen Girls Day, bei dem saarländische Betriebe über 1200 Mädchen bei insgesamt 93 Veranstaltungen einen Einblick in klassische Männerberufe geben wollten. "Wir wollen das Handwerk greifbarer machen, damit es nicht so abstrakt ist. Die Mädchen können hier mit Auszubildenen reden und direkt von ihnen lernen", sagte Johannes Hoffmann, Ausbilder für Mauerwerksbau beim ABZ, der auch zwei weibliche Lehrlinge ausbildet. Neben dem Stuckateursberuf konnten die Mädchen sich auch als Maurer, Fliesen- und Plattenleger oder Zimmerer ausprobieren. "Für das erste Mal schlagen sie sich ganz gut", sagte Azubi Julian Knaf, der Schülerinnen an seinem Stand Schieferplatten bearbeiten ließ.

"In erster Linie gilt der Tag der reinen Information", sagte Rüdiger Sander, Schulleiter der Robert-Schuman-Schule aus Großrosseln. Sander war mit insgesamt 23 Schülerinnen vor Ort, die sehen sollten, "dass die Realität anders aussieht als sie viele aus den Medien kennen". Seit Jahren bestünden an seiner Schule Kooperationen mit verschiedenen Ausbildungspartnern, so auch mit dem ABZ der AGV Bau Saar. Der Tag sei für die erste Berufsorientierung ein guter Anfang, auch wenn viele Mädchen naturgemäß andere Interessen hätten. So auch Bläsing, die sich eher in der Pflege sieht, und Buhles, die eventuell Fotografin werden möchte.

Boys Day im Pflegeberuf

Parallel zum Girls Day konnten gestern auch Jungs beim zweiten Boys Day in Berufe schnuppern, für die sich in der Regel eher Mädchen interessieren. Unter 28 Angeboten im Stadtverband hatte das Lehrinstitut für Gesundheitsberufe der Saarland Heilstätten GmbH (SHG) geladen. Unter dem Motto "Jungs ins Gesundheitswesen!" stellten sich die Fachbereiche Ergo- und Physiotherapie sowie Podologie und Heilerziehungspflege vor. Institutsleiter Thomas Grün, selbst Ergotherapeut, begrüßte mehr als 30 Schüler ab 12 Jahren. Für ihn gibt es verschiedene Gründe, warum Jungen über einen Beruf im Gesundheitswesen nachdenken sollten: "Die Arbeit ist sinnvoll und macht zufrieden." Außerdem seien die Jobaussichten in Gesundheitsberufen besonders gut. Laut Grün herrscht Mangel. Ausbilder und Auszubildende der Fachbereiche hatten Stationen eingerichtet, an denen sich praktische Arbeit aus ihren Berufsfeldern testen ließ. Die Heilerziehungspfleger lotsten die Schüler zum Beispiel durch einen Rollstuhlparcours. Laut Ausbilder Dieter Großmann ist für künftige Auszubildende die Fähigkeit, sich in den kranken Menschen hineinzuversetzen, eine wichtige Voraussetzung. Die sogenannte Selbsterfahrung ist Bestandteil der Ausbildung. "Deshalb schicken wir unsere Auszubildenden auch mit dem Rollstuhl in die Stadt", so Großmann. David Jacob macht die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und betreut mit zwei Kollegen den Rollstuhlparcours. Er ergänzt: "Der Spaß daran, Menschen zu helfen und mit ihnen zu arbeiten ist auch sehr wichtig."

Jeremy Gilges, Yannick Schumacher und Kevin Scharfenort (v.l.) beim Rollstuhlparcours.Foto: Iris Maurer.

Der 13-jährige Thomas Erbes aus Neunkirchen hat den Rollstuhlparcours geschafft. "Ich weiß jetzt, wie sich Menschen im Rollstuhl fühlen." Ihnen später als Heilerziehungspfleger zu helfen, könne er sich gut vorstellen.