Bei Anruf: Facharzt garantiert

Kassenpatienten sollen nicht mehr länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin warten müssen – dank einer neuen Termin-Vergabestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Sie nimmt am 25. Januar ihre Arbeit auf. Doch der Wunscharzt wird nicht garantiert.

Die Drei wird im Saarland 2016 zur magischen Zahl. Sie soll die Probleme von Kassenpatienten lösen, die bisher zu lange auf einen Facharzttermin warten mussten. Denn wer eine Drei auf seiner Überweisung hat, dem garantiert die Kassenärztliche Vereinigung (KV) die Vermittlung eines Facharzttermins innerhalb einer Vier-Wochen-Frist. Dazu wurden die Kassenärzte vom Bundesgesetzgeber verdonnert, durch das Versorgungsstärkungsgesetz. In allen Bundesländern müssen bis Ende Januar zentrale Termin-Servicestellen (TSS) installiert werden. Ist das nun die neue Wunderwaffe im Kampf gegen den Facharzt-Frust vieler Patienten? Die Saar-KV warnt vor überhöhten Erwartungen - und hat vorgesorgt, dass der Ansturm auf ihre Servicestelle nicht so groß wird wie befürchtet. Mit der Zahl Drei, die der überweisende Arzt als Symbol einer gewissen Dringlichkeit auf der Überweisung vermerken soll. Fehlt diese Ziffer, kann es länger dauern. Denn "Bagatell- und Routineuntersuchungen" hat der Gesetzgeber von der 30-Tage-Vermittlungs-Pflicht ausgenommen.

"Wir vertrauen der Steuerungs-Verantwortung der Ärzte, die ja auch heute ihren Patienten sagen, ob eine Untersuchung schnell oder langfristig gemacht werden sollte", sagt Gunter Hauptmann, Vorsitzender des KV-Vorstandes im Saarland. Das Modell stieß jedoch in den eigenen Reihen auf Kritik. Man prophezeite eine Inflation vermeintlich dringlicher Überweisungen, weil Ärzte Zeit raubende Debatten in ihren Praxen um eine Drei auf dem Formular vermeiden wollten. Hauptmann beunruhigt anderes, nämlich "dass die Patienten der Suggestion der Politik aufsitzen und meinen, sie bekommen jetzt binnen weniger Tage einen Termin bei ihrem Wunscharzt".

Nein, so wird das nicht laufen ab 25. Januar, bei 750 000 Überweisungen pro Quartal. Unter den 2000 Kassenärzten sind 1400 Fachärzte . Letztere wurden durch die Kassenärztliche Vereinigung bereits aufgefordert, freie Termine zu nennen - freiwillig. Das habe bei einem Testlauf im Sommer geklappt, sagt Hauptmann.

Zugleich wurden alle Mitglieder gebeten, sorgsam mit der Drei auf den Überweisungen umzugehen. Denn sie ist für die neue TSS das einzige Filter- und Steuerungsinstrument, um dringlichere von unwichtigeren Anfragen zu unterscheiden. "Wir stehen vor einem Blindflug", sagt Hauptmann. Denn rund 50 Prozent der Patienten gingen laut einer hausinternen Statistik bisher ohne Überweisung zum Facharzt, könnten nun aber auch ins Vermittlungssystem drängen. Hauptmann: "Wir befürchten das Missverständnis, über die neue Stelle würden nun grundsätzlich alle Facharzttermine vereinbart." Freilich könne man Missbrauch nicht verhindern. Wie kontrollieren, dass sich der Patient selbst und dann vergeblich um einen Facharzt-Termin bemüht hat? Da hilft womöglich nur Euphorie-Dämpfung. Die Servicestelle berücksichtigt weder den Wunschdoktor des Patienten noch den Wunschtermin noch den Wunschort der Behandlung. Die TSS wird mit drei Halbtagskräften und einer Ganztagskraft personalisiert. Vormittags sollen Patientenanrufe angenommen und nachmittags abgearbeitet werden. Rund 220 000 Euro kostet diese Dienstleistung die Kassenärzte im Jahr. Unnötigerweise? "Wir waren und sind im Saarland der Meinung, dass wir keine Termin-Servicestelle brauchen", so Hauptmann. Denn anders als in anderen Bundesländern existiere hier die "dringliche Überweisung", die sicherstelle, dass der Patient in durchschnittlich zwei bis drei Tagen einen Facharzttermin erhalte. Dieses "Turbo"-Verfahren bleibt laut Hauptmann trotz TSS erhalten.

Doch wer kontrolliert, ob die TSS funktioniert? Die Kassenärztliche Vereinigung verspricht, Statistiken zu führen: Welche Ärzte melden keine Termine, welche Medizin-Gebiete werden besonders nachgefragt, wo gibt es die längsten Warteschlangen? Hauptmann: "Wir haben im Saarland in allen Fachärzte-Gebieten Überkapazitäten. Trotzdem scheint es Probleme zu geben. Wir wollen selbst wissen, wo sie liegen."

Meinung:

Einen Versuch ist es wert

Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Weil die Ärzte die Beschwerden ihrer Kassenpatienten über zu lange Wartezeiten als Phantomschmerz abtaten, müssen sie jetzt ein neues Bürokratie-Monster ernähren: die Termin-Servicestelle. Obwohl jeder weiß, dass die Wirkkraft begrenzt ist. Denn die Ärzte werden künftig nicht mehr Menschen behandeln, sondern nur andere. Stammpatienten warten dann wohl länger auf Termine. Auch dürfte bei den Anrufern Ärger auftreten, weil die neue Vergabestelle keinen Termin beim Lieblings-Spezialisten erzwingen kann. Trotzdem ist das alles kein Humbug.

Manchen Patienten wird allein die Tatsache beruhigen, dass er Hilfe beanspruchen kann, wenn ihn die Facharzt-Suche enerviert. Ob es sich dabei um einen "gefühlten" Mangel und Hysterie handelt, blieb unüberprüft - angeblich existieren ausreichend Kapazitäten. Jetzt bietet sich die Chance auf einen Praxistest. Gibt es wenig Anrufe, läuft der Ärzte-Laden so rund wie behauptet. Wird der Service gut genutzt und nicht missbraucht, hat er seine Berechtigung. Einen Versuch ist es wert.

Zum Thema:

Auf einen BlickDie Termin-Servicestelle (TSS) wird nur tätig, wenn eine Überweisung mit der Betriebsstättennummer des Arztes vorliegt, der sie ausgestellt hat. Sie muss der TSS genannt werden. Dies gilt nicht für Augenärzte und Gynäkologen. Binnen einer Woche wird dem Patienten auf dem Postweg ein Terminvorschlag unterbreitet. Er muss ihn dann selbst bei der Facharzt-Praxis bestätigen. Derzeit noch nicht vermittelt werden psychotherapeutische Behandlungen. Die TSS ist ab Montag, 25. Januar, montags bis freitags zwischen 9 und 12 Uhr erreichbar unter Tel. (06 81) 85 77 30. ce

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