Bedrohlicher Anstieg der Zahl der Drogentoten

Das Saarland steht in diesem Jahr womöglich vor einem traurigen Höchststand. Bis jetzt wurden 19 Menschen gezählt, die an einer Drogen-Überdosis gestorben sind – bereits so viele wie im ganzen Jahr 2015.

. Er war das älteste Drogenopfer in diesem Jahr, der 59-Jährige aus Saarlouis, der Ende August verstarb. Bereits 19 Menschen, die infolge von Drogenkonsum im Saarland starben, meldete die Polizei in diesem Jahr. Im gesamten Jahr 2015 waren es 19 Drogentote gewesen. Das Saarland scheint damit auf einen neuen traurigen Höchststand zuzusteuern, da 2015 bereits die meisten Drogenopfer seit 2009 gezählt worden waren. Noch im Jahr 2004 hatte der damalige Saar-Gesundheitsminister Josef Hecken (CDU ) den historischen Tiefststand von nur sechs Drogentoten den Medien mitgeteilt.

Heckens damaliger Pressesprecher Stephan Kolling (CDU ), jetzt Gesundheitsstaatssekretär und Drogenbeauftragter der Saarlandes, sagte der SZ: "Die Zahl der Drogentoten steigt weltweit (World Drug Report, 2016), europaweit (Europäischer Drogenbericht 2016), deutschlandweit (Bundeskriminalamt und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2016) und auch im Saarland. Der offensichtliche Anstieg bei uns ist damit kein speziell saarländisches Phänomen, sondern ist Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung." Während Saar-Polizeisprecher Georg Himbert "keine Erklärung" für den Anstieg der Drogentoten nennen kann und sagte, dass es "eher Zufall" sei, dass es so viele sind, verfügt Kolling bereits über Erklärungsansätze. Es seien derzeit Produkte mit sehr hohem Wirkstoffgehalt auf dem Markt, was für die Konsumenten hohe Gesundheitsrisiken und die Gefahr von Überdosierung berge, erklärte Kolling. Dabei können Messfehler und ungenaue Instrumente den Tod herbeiführen. "Es geht bei vielen der neuen synthetischen Drogen nicht mehr um Dosierungen im Milligrammbereich, sondern um Dosierungen im Mikrogrammbereich. Das heißt kleinste Fehldosierungen können zum Tod führen", so Kolling.

Besorgniserregend sei auch die bessere Verfügbarkeit von Heroin. Der Markt sei groß, da mit dem "Darknet" ein Handelsplatz existiere, der nur schwer kontrollierbar sei. Hinzu komme, dass die neuen psychoaktiven Substanzen mit den gängigen Verfahren nicht zu testen seien. "Das alles stellt uns vor neue Herausforderungen auch im Saarland", räumte Kolling ein, dass die Drogenhändler den Strafverfolgungsbehörden technisch offenbar eine Stück enteilt sind.

Auffällig ist in diesem Jahr, dass bereits fünf der 19 Opfer älter als 50 Jahre alt waren. Dazu sagte Kolling, die Tatsache, dass einige der Drogenopfer älter als 50 Jahre alt wurden, "ist für uns eher ein Hinweis, dass unsere Maßnahmen im Rahmen der Suchthilfe greifen". Es sei überhaupt nicht selbstverständlich, dass Menschen mit einer langen Drogenkarriere "so alt" würden. Menschen mit langjährigem Drogenmissbrauch hätten in der Regel viele gesundheitliche Krisen durchlebt und ohne Hilfe und Unterstützung des Gesundheitssystems wären sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so alt geworden, meinte der Staatssekretär. Deshalb sehe er sich bestätigt in den vom Land finanzierten Präventions-, Beratungs- Therapie- und Drogenersatz-Programmen sowie bei der Überlebenshilfe, wie sie etwa im Drogenhilfezentrum Saarbrücken Brauerstraße geleistet würde.

Derzeit würden Vor- und Nachteile abgewogen, ob es sinnvoll sein könnte, den Nutzerkreis des Drogenhilfezentrums zu erweitern und Substituierten die Möglichkeit zu eröffnen, den Druckraum zu nutzen. Substituierte erhalten Drogenersatzstoffe von Ärzten verschrieben. Damit wäre für diesen Personenkreis eine schnelle Hilfe bei Notfällen unmittelbar gewährleistet, so Kolling. Zudem werde geprüft, ob auch im Saarland Naloxon ausgegeben werden könne. Das Notfallmedikament Naloxon rettet Leben bei Drogen-Überdosierungen durch Laien.

Um genauere Erkenntnisse über die Todesursachen der Drogenopfer zu erhalten, werde mit der Gerichtsmedizin der Saar-Uni eine Studie aller Drogenopfer der beiden letzten Jahre erstellt, um Konsummuster zu erforschen und Hinweise für Präventionsmaßnahmen zu bekommen, betont der Christdemokrat. Präventionsfachstellen böten bereits das Programm "Fred" an, das Jugendlichen, die erstmals mit Cannabis erwischt worden sind, über ein Kursangebot eine Verurteilung erspare. "Eine Legalisierung von Cannabis wäre ein Schritt in die völlig falsche Richtung", so Kolling.

Meinung:

Strafen retten niemanden

Von SZ-Redakteur Dietmar Klostermann

Das Saarland ist ein kleines Land: Jeder kennt jeden, die Landesregierung wuchert in Werbe-Slogans mit den Vorzügen des Mini-Landes. Diesen Vorteil gilt es daher auch in der Drogenszene zu nutzen: Jeder Mensch, der gefährdet ist, müsste den Helfern bekannt sein. Dass dem bisher nicht so ist, liegt an der Repression, mit der die Abhängigen abgeschreckt werden. Verbote, Strafen und Polizeimaßnahmen führen dazu, dass die Drogenabhängigen abtauchen und hilflos ihrem Schicksal entgegengehen. Wenn die knochenharte Drogen-Politik, die lebensrettende Mittel wie Naloxon bürokratisch prüft, statt sie einzusetzen, nicht endet, werden weiter Menschen einsam an Drogen sterben. Die Politiker müssen umdenken, denn sie sind nicht hilflos.