Azubis wollen ein bisschen Liebe schenken

Gratis-Umarmungen in der Fußgängerzone: Mit dieser Aktion wollen vier Auszubildende der Saarland Heilstätten GmbH auf die Entfremdung der Menschen aufmerksam machen und etwas Geborgenheit verschenken.

Saarbrücken. Die vier verkleideten Gestalten in der Mainzer Straße entlocken den Passanten einen verdutzten Gesichtsausdruck. Ein Radfahrer bimmelt energisch. Die Vier blockieren ein Stück des Fahrradweges. Dem Igel, Alien, Afrikaner und der Indianerin ist der Radfahrer egal, sie liegen sich in den Armen und kuscheln sich in eine feste Umarmung.Hinter den Kostümen verstecken sich angehende Ergotherapeuten, die sich zu ihrem Projekt "Liebe verbreiten" wappnen. "Wir haben uns in unserer Siebener-Gruppe überlegt, während der Projektwoche in saarländischen Städten Gratis-Umarmungen zu verteilen", erklären die Auszubildenden des Lehrinstituts für Gesundheitsberufe der Saarland Heilstätten GmbH (SHG). "Das ist unser erster Trockenlauf", strahlen sie, während sie sich gegenseitig drücken. Ab 23. Juni werden sie sich nicht gegenseitig umarmen, sondern fünf Tage lang Wildfremde in Fußgängerzonen in Neunkirchen, St. Wendel, Saarlouis, Homburg und Saarbrücken. Die Idee, Fremde in die Arme zu schließen und beherzt zu drücken, ist unter der Bezeichnung "Free Hugs"-Bewegung bekannt. Als Erfinder gilt der Australier Juan Mann, der sich erstmals 2004 in Sydney auf die Straße stellte und "Gratis-Umarmungen" verteilte. Mittlerweile hat der Australier weltweit Nachahmer. Allein auf der Internetplattform YouTube findet man fast 25 000 Videos von den Umarmern. Sie wollen auf die Entfremdung und den fehlenden menschlichen Kontakt hinweisen, aber auch einen kurzen Moment der Nähe verschenken.

"Davon haben wir uns inspirieren lassen. Menschliche Nähe ist wichtig und hat auch heilende Wirkung. Heutzutage ist es in unserer schnellen Welt ja so, dass man seinen Gegenüber kaum wahrnimmt. Die Menschen rauschen aneinander vorbei. Wir wollen einen Moment der Ruhe, Geborgenheit, Einheit und Innigkeit vergeben. Jeder, der möchte, kriegt dann ein Stückchen Liebe", erklärt Niels Breitkreuz (25).

Warum die Kostüme? "Die sollen die Distanz brechen, ein wenig die Scheu nehmen", erklärt Elena Theobald (20). Die Kostüme entstammen dem Faschingsfundus, aber einen Teil haben sie selbst gebastelt. Natürlich wollen sie mit der bunten Verkleidung auffallen. "Wir wollen auch einen Bus oder Wohnwagen organisieren, auf dem die Leute unterschreiben können. Nach dem Projekt planen wir, den Bus für einen guten Zweck versteigern. Wir suchen gerade nach Sponsoren oder jemanden, der einen alten Bus oder Wohnwagen abtreten kann", erläutert Steve Müller (21) und ergänzt: "Wenn uns das nicht gelingt, malen wir ein großes Transparent mit Herzen. Außerdem wollen wir einen Film drehen und das Ganze dokumentieren." Die Vorfreude ist ihnen deutlich anzusehen. "Ich vermute, dass das Projekt in den unterschiedlichen Städten auch unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Wir beginnen in Neunkirchen. Ich bin mal gespannt, wie viele Neunkircher ,Free Hugs' kennen, und wie sie auf unser Angebot reagieren. Wird bestimmt spannend", schmunzelt Stephan Schmitt (35). Das Projekt ist nicht "gewöhnlich", finden sie.

Was machen denn die Mitschüler? "Eine Gruppe geht ins Hospiz, eine andere dreht Filme über verschiedene Krankheitsbilder", erklärt Theobald: "Wenn man so will, sind diese Projekte vielleicht ein wenig klassischer als unseres." Passend zur Ergotherapie-Ausbildung sei "Liebe verbreiten" aber allemal, finden sie. "In einem Therapieberuf wie unserem will man immer eine gute, positive Atmosphäre schaffen, weil das heilsam wirkt. Bei dem Projekt wollen wir das auf die Straße bringen und den Menschen einen Moment der Nähe schenken." Wer sich für einen Therapieberuf entscheide, habe keine Scheu vor Menschen, sagen sie. Bammel, einfach wildfremde Menschen zu herzen? "Nein, wir freuen uns darauf, Liebe unter die Menschen zu bringen."