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Ausgebeutet, verkauft und versklavt

Saarbrücken. Was sich anhört, wie tiefstes Mittelalter, ist auch heute noch Realität: Menschenhandel, Sklaverei und Zwangsarbeit. Expertin Klára Skrivánková berichtete jetzt in Saarbrücken über die Schattenseiten einer modernen Welt. bel

Ausgebeutet, verkauft und versklavt - geschätzte 21 Millionen Menschen leben heute noch in Sklaverei und Zwangsarbeit . Die Dunkelziffer wird weit höher geschätzt, und auch in Europa ist moderne Sklaverei keine Seltenheit. Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen, organisierte das Saar-Bündnis "Sklavenlos" am Montagabend in der Saarbrücker Stiftung Demokratie einen Vortrag mit anschließender Diskussion. Das Saar-Bündnis setzt sich aus vielen Kooperationspartnern zusammen, darunter Attac, der evangelische Kirchen-Kreis Saar-West und die Menschenrechtsorganisation Terres des hommes. Gemeinsam treten sie im Rahmen von Lesungen, Kampagnen und Arbeitsgruppen gegen Ausbeutung und Sklaverei ein. Derzeit setzt sich das Bündnis für die Durchsetzung der EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Menschenhandel ein, die seit zwei Jahren in Deutschland überfällig ist.

Unter dem Motto "Menschenhandel , Sklaverei und Zwangsarbeit heute. Weltweit. Auch in Deutschland " referierte Klára Skrivánková, die Europa-Programm-Koordinatorin von Anti-Slavery International, über moderne Sklaverei mitten unter uns. Auch in Deutschland seien etwa 15 000 Menschen von Menschenhandel und Arbeitsausbeutung betroffen. Die Wege des Menschenhandels führen in Deutschland laut dem Bündnis gegen Menschenhandel und Arbeitsausbeutung vor allem in die Prostitution, die Gastronomie, das Baugewerbe, die Landwirtschaft und den Reinigungssektor. Betroffen sind vor allem Menschen, die sich in einer besonderen Zwangslage befinden, sei es aufgrund von Armut, Migration oder Diskriminierung. Nicht selten endet das auch in der sexuellen Ausbeutung von Frauen. Wer weiß schon, wie viele Prostituierte auf Saarbrückens Straßenstrich dieses Schicksal ereilt hat?

"In Europa ist moderne Sklaverei zwar geächtet, aber sie blüht wie nie zuvor", sagte die Expertin für Menschenhandel Skrivánková. In ihrem Vortrag wies sie auch darauf hin, dass viele Produkte, die wir täglich nutzen, unter sklavereiähnlichen Bedingungen hergestellt werden. "Den Preis für ein billiges Produkt trägt vielleicht ein anderer Mensch oder gar ein Kind", mahnte Skrivánková. Die Skandale um deutsche Konzerne, deren Zulieferer günstig im Ausland, aber unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert haben, klingen noch nach: die Textilhersteller Kik und Primark oder die Discounter Lidl und Aldi, um nur einige zu nennen. Laut Skrivánková hat Deutschland gerade ein Handelsabkommen mit Usbekistan geschlossen. Das Land ist nicht nur für sein repressives Regime bekannt, sondern ist auch einer der größten Baumwollproduzenten weltweit. Dafür zwinge die Regierung Teile der Bevölkerung, monatelang für einen Hungerlohn auf den Feldern zu arbeiten. Da stelle sich die Frage: wer bezahlt eigentlich für unsere "Geiz ist geil"-Philosophie?

Doch was tun angesichts dieser sozialen Ungerechtigkeit und Ausbeutung? "Oft schadet es den Armen nur, die Produkte zu boykottieren, daher müssen die Unternehmen als globale Akteure Verantwortung übernehmen", erklärte Skrivánková. Hier sei vor allem die Politik gefragt, die Gesetze für mehr Transparenz auf den Weg bringen müsse. Als Privatperson sollte man sich informieren und nur fair produzierte Ware kaufen. Dennoch bleibe es unumgänglich, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft wirtschaften wollen.