„Aufarbeitung findet nicht statt“

Im Saar-Landtag wird an diesem Freitag, dem Holocaust-Gedenktag, ab 10.30 Uhr eine Veranstaltung stattfinden, auf der Richard Bermann, Vorsitzender der Synagogengemeinde Saar, eine Ansprache hält. SZ-Redakteur Dietmar Klostermann sprach mit Bermann darüber.

Herr Bermann, Sie werden am Auschwitz-Gedenktag im Landtag eine Ansprache halten. Worauf wollen Sie dabei den Schwerpunkt legen?

Bermann: Einer meiner Schwerpunkte wird natürlich sein, daran zu erinnern, welches Leid Millionen Menschen durch das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten erlitten haben. Ich werde auch daran erinnern, dass gerade heute wieder, das Geschehen von damals stärker ins Bewusstsein gerückt werden muss, gerade in Zeiten in denen Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und ganz Europa wieder aufkeimt. Deshalb muss Auschwitz auch als Mahnung für den begangenen Zivilisationsbruch im Bewusstsein der Gesellschaft verankert bleiben. Nicht als in die Zukunft wirkendes Schuldbekenntnis, sondern Auschwitz soll vielmehr als Mahnung verstanden werden. Gerade vor den Versuchen derer, die heute wieder Hass und Zwietracht zu schüren versuchen und die Verbrechen der Vergangenheit verniedlichen. Dabei soll es aber nicht bleiben. Deshalb wird sich ein Großteil meiner Ansprache auch mit Gegenwart und Zukunft beschäftigen, sie wird politisch sein und einen Appell an die Jugend beinhalten.

Das Saarland tut sich schwer mit seiner NS-Vergangenheit, wie am Beispiel des Streits um die Umbenennung des nach dem NS-Kriegsverbrecher Hermann Röchling bezeichneten Völklinger Stadtteils zu beobachten war und ist. Es gibt auch noch viele Straßen, die im Saarland nach NSDAP-Mitgliedern benannt sind. Sind Fehler gemacht worden bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit im Saarland?

Bermann: Dieses ist ein leidiges Thema. Für mich ist es völlig unverständlich, weshalb die Völklinger Kommunalpolitiker sich so daran klammern, einen Stadtteil nach einem Kriegsverbrecher-Clan zu benennen. Eine Aufarbeitung findet im Saarland, bis auf wenige Ausnahmen, nicht statt. Unzählige Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus gibt es noch immer im Saarland. Offensichtlich bekümmert es niemanden. In einem Schreiben habe ich bereits Ende 2012 den Völklinger Oberbürgermeister Klaus Lorig und die Stadtratsfraktionen angeschrieben und darin die Frage gestellt, wie stark der braune Geist der Vergangenheit noch immer manche Kommunalpolitiker der Gegenwart beeinflusst? Eine Reaktion habe ich auf mein Schreiben nie erhalten. Auch meine Schreiben an führende Landespolitiker blieben ohne Erfolg.

Das Verwaltungsgericht hat es bisher verhindert, dass die Stadt Saarbrücken Demonstrationen von Rechtsradikalen auf dem Rabbiner-Rülf-Platz und dem Platz des unsichtbaren Mahnmals vor dem Schloss verbieten kann. Innenminister Klaus Bouillon sieht keine rechtlichen Möglichkeiten, beide Plätze gesetzlich vor rechtsradikalen Versammlungen schützen zu lassen, wie im Fall der Gedenkstätte Gestapo-Lager Neue Bremm. Sehen Sie die Gedenkstätten im Saarland ausreichend geschützt?

Bermann: Es geht beim Rabbiner-Rülf-Platz ja nicht um unseren früheren sehr verdienten Rabbiner, nach dem der Platz benannt ist, sondern um den an gleicher Stelle befindlichen Gedenkort "Der unterbrochene Wald", der an die ermordeten saarländischen Juden erinnert. Insofern kann ich nicht nachvollziehen, weshalb dieser Platz weniger an Wert und Bedeutung genießen soll, als das Gestapo-Lager-Neue Bremm. Wenn so argumentiert würde, dass auf dem Platz selbst keine Juden ermordet wurden, dann wäre das ein Hohn gegenüber den Opfern und dann wären viele Gedenkorte in anderen Städten ebenfalls nicht schützenswert, was nicht der Fall ist. Was den Schlossplatz angeht, so müsste er gleichgestellt sein mit dem Gestapo-Lager Neue Bremm, denn im Saarbrücker Schloss befand sich die Kommandozentrale der Gestapo und auch Zellen, in denen Menschen eingekerkert wurden und zu Tode kamen. Ohne ausreichendem gesetzlichem Schutz sind Gedenkorte jeglicher Willkür rechter Gruppen ausgesetzt und natürlich Anziehungspunkte für sie.

Für das Gedenken an die etwa 3000 jüdischen Saarländer, die Opfer des NS-Terrors wurden, planen Stadtverwaltung und Synagogengemeinde drei Stelen mit den Namen der Opfer auf dem Beethovenplatz. Wie weit ist das Projekt gediehen?

Bermann: Mittlerweile muss man das Projekt als die "unendliche Geschichte" bezeichnen. Bei der Planung des Rabbiner-Rülf-Platzes war vorgesehen, an der Seitenwand der Treppe zur Saar hin Täfelchen mit den Opfernamen anzubringen. Dies wurde von dem damaligen Fraktionsvorsitzenden der FDP , Friedhelm Fiedler, mit der Begründung abgelehnt, die Namenstäfelchen würden an dieser Stelle die Partylaune der Saarbrücker stören. Daraufhin habe ich mit der Oberbürgermeisterin Charlotte Britz gesprochen und den Synagogenvorplatz ins Gespräch gebracht. Vier Jahre später und nach zig Plänen (von Professor Ariel Auslender von der TH Darmstadt) ist zwar eine endgültige Planung auf dem Tisch, aber es tut sich nichts. Offensichtlich liegt es an den Finanzen. Die Landeshauptstadt möchte wohl eine höhere Finanzbeteiligung vom Land. Nur darüber sprechen tut man offenbar nicht. Zwar gab es einen schönen Artikel in der SZ, aber seitdem ruht das Projekt. Ich habe der OB Britz gegenüber bereits Gesprächsbedarf angemeldet. Ein Termin muss noch vereinbart werden.

Wie recherchieren Sie die Namen der Opfer?

Bermann: Da es im Saarland bisher keine Aufarbeitung der Opfer des Nationalsozialismus gab und ich bei der von mir angestoßenen Stolpersteinaktion 2010 in Saarbrücken angefangen hatte, Biografien zu erstellen, war ein kleiner Grundstock vorhanden. Darauf habe ich aufgebaut und recherchiert. Bei meinen Besuchen in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, beim Bundeszentralarchiv in Koblenz, beim Mémorial de la Shoa in Paris und beim holländischen Roten Kreuz habe ich inzwischen zweitausend Kurzbiografien von jüdischen Opfern aus dem gesamten Saarland zusammengetragen. Diese Namen mit Geburtsort, Todesdatum und Todesort warten nun auf ihre Verwendung. Weitere Recherchen werden notwendig sein, um weitere Opfer ausfindig zu machen. Diese Namen könnten später auf die Stelen übertragen werden, das ist kein Problem. Aber auch die geforderten und versprochenen Stelen auf dem Rabbiner-Rülf-Platz, die in drei Sprachen über den Platz und seine Bedeutung informieren sollen, warten bereits seit geraumer Zeit auf Fertigstellung. Dies ist umso verwunderlicher, als die benötigten Mittel bereits seit 2015 im städtischen Haushalt eingestellt sind. So bleiben Besucher der Landeshauptstadt halt weiter unwissend, was die Bedeutung des Platzes und des Gedenkortes anbelangt.