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Auf einen Weißwein mit einer Hundertjährigen

Eschberg. 100 Jahre alt zu werden, das ist etwas ganz Besonderes. Was haben unsere 100-Jährigen wohl alles erlebt? In unserer Serie erzählen betagte Saarbrückerinnen und Saarbrücker von ihrem Jahrhundert. Zum Auftakt: Elisabeth Raabe. Sie lebt im Seniorenheim „Egon-Reinert-Haus“ auf dem Eschberg. Von SZ-Mitarbeiterin Traudl Brenner

Elisabeth Raabe: schönes Gesicht, weiße Locken, dazu knallige, große Ohrringe. Farbenfrohes Kleid mit Seitenschlitz. Darunter gucken - strumpflos, es ist ein warmer Tag - schlanke, glatte Beine heraus. "Am 5. August", sagt Frau Raabe, "werde ich 101".

Diese Frau scheint ein kleines Naturwunder zu sein. So sieht sie zum Beispiel auch noch recht gut. Beim Hören gibt's hie und da Probleme, aber im Allgemeinen komme sie gut zurecht. Und sie erzählt durchaus nicht nur aus der Vergangenheit, wie viele Menschen in diesem hohen Alter, sondern nimmt auch Anteil an der Gegenwart. Eine der Lieblingsbeschäftigungen: Gedichte rezitieren - aber nicht nur die Klassiker, die sie von früher kennt - sie lernt auch heute noch Gedichte und Gebete auswendig. Und behält sie.

Eine Mitarbeiterin des Egon-Reinert-Hauses kommt herein und fragt, ob wir was trinken möchten. "Ja", sagt Frau Raabe "hätten Sie einen Weißwein?" Wir anderen - Frau Raabes Tochter ist dabei - haben dummerweise Wässerchen bestellt und gucken nun neidisch auf das Weinglas.

Und Elisabeth Raabe erzählt: In der Nähe von Breslau ist sie 1912 geboren, von sieben Kindern die Nummer sechs. 1935 hat sie einen Landsmann geheiratet, einen Elektromeister. Elisabeth Raabe, die Hauswirtschaftsmeisterin war, hat dann zwei Söhne bekommen und Tochter Dorothee.

Mit dem Kriegsende kam die Flucht. Erst ging's ins Erzgebirge, nach einem Jahr dort in die Lausitz. Die Raabes blieben dann in der DDR in der Hoffnung, irgendwann in die alte Heimat zurückkehren zu können. Als daraus nichts wurde flüchtete die ganze Familie 1956 nach Saarbrücken, wo eine Schwester Elisabeth Raabes lebte. Der Familienchef hat nun mal hier, mal da Elektrogeschäfte betrieben, Elisabeth arbeitete als Kontoristin und kam - ihr Mann ist 1984 gestorben - 1988 wieder nach Saarbrücken. Seit 2007 ist sie im Egon-Reinert-Haus.

Von den schlimmen Dingen des Lebens spricht sie nur auf Nachfrage. Wie sie zweieinhalb Finger der linken Hand verloren hat? Das war 1954 in der Lausitz, beim schönen alten Brauch des Osterschießens, bei dem es auch schon mal eine Explosion geben kann. Von Krankheiten redet sie lieber nicht - "ich wollte und will nur noch tun und denken, was Freude macht" sagt sie.

Langweilig wurde ihr nie: Sie hat auch in fortgeschrittenen Jahren alle nur denkbaren Bildungsmöglichkeiten genutzt, war engagiert bei der VHS, bei "Europ'age" - und war so bekannt, dass sie sogar Star eines riesigen, 30 Quadratmeter großen Plakats war, das 1992 die Bahnhofstraße schmückte. Es wurde auch schon mal über sie berichtet, der Artikel trug die Überschrift "Grauer Panther mit jugendlichem Charme" - das war vor etwa 20 Jahren. Der Panther ist jetzt nicht mehr grau, sondern weiß, der Charme ist immer noch da. Nur mit dem Saarbrücker Dialekt kommt sie bis heute nicht klar - den versteht sie einfach nicht.

Zum Abschied deklamiert Elisabeth Raabe Loewes "Uhr". Klar, was sie sich, angesichts ihres Alters, dabei denkt: Der Schlusssatz des Gedichts um die Uhr des Lebens heißt ja: "Sie blieb von selber steh'n."

Die Serie wird fortgesetzt. Und falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, Hundertjährige kennen, die "noch gut drauf" sind: Bitte melden Sie sich bei uns, Tel. (06 81) 5 02 22 81.