Auf der Pirsch nach Promillesündern

Die Scheinwerferbatterie der nahen Diskothek „99 Grad“ lässt Lichtstrahlen kilometerhoch im Nachthimmel rotieren. Unter ihnen zögert ein roter Corsa beim Abbiegen in eine Hilbringer Seitenstraße.

Stefan Wellstein reißt das Lenkrad der schwarzen Mercedes-Limousine herum und hängt sich dran. Philipp Bies schaut wortlos rüber und setzt das Blaulicht unter die Windschutzscheibe. Kurz darauf kommt der Kleinwagen vor den Polizisten zum Stehen. Es ist eine feuchtkalte Winternacht, und der Fahrer des Opels trägt über dem T-Shirt nur eine offene Kapuzenjacke. "Wilhelm 1430 an Zentrale, bitte kommen." Bies überprüft die Personalien per Funk. Die Hände zittern, als der 18-Jährige seine Hosentaschen auf der Motorhaube entleert.

Kälte oder Nervosität? Well stein bittet ihn, die Arme auszustrecken und die Augen zu schließen. Die Lider zucken; ein Zeichen für Cannabiskonsum. "Erstes Auto, erster Volltreffer", sagt der Beamte. Sein schwarzer Schnauzer gerät in Schieflage, als er dabei amüsiert lächelt. Die Beamten setzen den Kiffer auf die Rückbank und fahren zurück zur Polizeiinspektion.

Der 49 Jahre alte Wellstein und der 24-jährige Bies gehören zum Verkehrsdienst der Merziger Polizei. Vier Teams sind in dieser Nacht zum Sonntag zur Schicht angetreten, kontrollieren und verfolgen Verkehrssünder sowohl in Streifenwagen als auch verdeckt in zivilen Autos, wie Wellstein und Bies. Von zwei Uhr früh bis in die Morgenstunden werden die Beamten rund um die Kreisstadt gezielt nach jungen Verkehrsteilnehmern fahnden. Gesucht: Fahrer, die unter Alkohol- und Drogen-Einfluss hinterm Steuer sitzen.

Wieder auf der Wache, gibt sich der erfahrene Oberkommissar aus Beckingen kumpelhaft. Der junge Kommissar aus Losheim fragt reserviert und füllt am Computer Formulare aus. Und der Kiffer kippt: Als er aus dem Auto ausstieg, lag der letzte Cannabiskonsum noch ein halbes Jahr zurück. Daraus werden nun fünf Tage. Schließlich sagt der Mann, der seinen Führerschein erst vor sechs Monaten bekam: "Heute Morgen habe ich beim Kollegen mitgeraucht." Kurz kullern Tränen, dann nimmt eine Ärztin dem Leiharbeiter Blut ab. Wellstein erklärt, was folgt: ein Monat Fahrverbot sowie Bußgeld und Verfahrenskosten von insgesamt rund 1000 Euro. Ungläubige Blicke, nervöses Getippe ins Mobiltelefon. "Es muss wohl erstmal richtig wehtun", sagt der Mann mit geröteten Augen.

Kurz vor vier Uhr: Die ersten Nachtschwärmer brechen nach Hause auf und die Polizei hat die Hilbringer Brücke von allen Seiten in Beschlag genommen - offene Kontrolle mit Mannschaftswagen und leuchtenden Signalwesten. Auch Wellstein und Bies stehen jetzt auf der Straße über der Saar und winken mit der Handkelle Autos raus. "Wir sind bestimmt schon auf Facebook und in Whatsapp. Das spricht sich ruckzuck rum. Die das gelesen haben, gehen jetzt erstmal gemütlich zum McDonald's essen, bevor sie heimfahren. Solche Kontrollen sind deshalb eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Wir machen es nur, um Flagge zu zeigen", sagt der ältere Polizist.

Die Nacht schreitet voran, der Verkehr wird dünner. Drei Kommandos sind zwischenzeitlich mit Verdächtigten auf der Wache. Nur Wilhelm 1430 muss auf der Brücke über der Saar einen Wagen nach dem anderen wieder ziehen lassen. Bies, der erst anderthalb Jahre im Dienst ist, bleibt gelassen: "Das ist wie auf der Jagd. Irgendwann sind die Tiere aufgescheucht, dann leeren sich die Straßen um die Kontrollstelle."

Der nächste Wagen nähert sich der Kontrollstelle. Schnelle Engel - "Fast Angels"- prangt als Schriftzug in Englisch auf der Heckscheibe. Am Steuer der grauen Limousine sitzt eine junge Frau, neben ihr ein Mann in Heavy-Metal-Kluft. Wellstein nimmt Witterung auf: "Die gefallen mir einfach nicht." Ein Instinkt, der auf kleine Auffälligkeiten reagiert, sei es bei ihm. Genauer kann es der Polizist auch nach 32 Jahren beim Verkehrsdienst nicht erklären: "Mir liegt das im Blut, reizt mich bis heute. Ich habe dieses Gespür aus dem Bauch heraus über die Jahre entwickelt, um mir die Richtigen rauszupicken. Natürlich sind immer auch Kontrollen dabei, wo sich herausstellt, das war nichts." Sein junger Kollege winkt die Limousine raus und lässt die Frau ins Testgerät blasen: nüchtern. Auch die Funkabfrage ergibt nichts.

Der Morgen rückt näher. Der schwarze Benz der Polizei rollt wieder durch Merzigs Straßen. Vor der Diskothek mit der Scheinwerferbatterie auf dem Dach friert das Partypublikum und raucht. Mittendrin im Stimmenwirrwarr aus Deutsch und Französisch feiert ein Türsteher mit. Baseballkappenträger, Solariumgebräunte und Halbstarke, deren Gesichter von Mobiltelefondisplays erleuchtet werden, schielen nach überschminkten Mädchen in kurzen Röcken. "Ich war da noch nie privat drin, das reizt mich nicht", erzählt Wellstein, als er am hellerleuchteten Gebäude vorbeifährt. Sein letzter Diskobesuch sei lange her, heute feiere er lieber Fastnacht.

Wellstein ist Vereins- und Familienmensch: Der Ehemann und Vater von zwei Söhnen fährt mit Jugendlichen auf Ferienfreizeiten, ist seit Jahrzehnten sowohl im Oppener Fußballverein als auch im Tennisclub aktiv. Gemütlichkeit im Privaten, das ist dem Polizisten mit dem ruhigen Blick wichtig: "Ein paar Bier mit Kumpels trinken ist für mich das Normalste der Welt, da werde ich lustig." Alkohol beim Fußballschauen, zuhause im Vereinshaus des SSV Oppen, gehöre für ihn dazu. Dann sei er natürlich zu Fuß unterwegs.

In Hilbringen schaltet Wilhelm 1430 plötzlich die Scheinwerfer aus und stoppt in einer Seitenstraße. Ein blauer Toyota ist von der Autobahn abgefahren und hat kurz vor der Tankstelle, im Sichtfeld der Beamten auf dem Gehweg gehalten. Wellstein und Bies warten einen weiteren Moment, nähern sich dann von der Seite. Die Fahrerin telefoniert aufgeregt. Bies steigt aus und hält ihr das Testgerät hin: nüchtern. "Ich sehe nur das sie ein Gerät am Ohr hat. Ich weiß nicht, ob das Show ist", sagt Wellstein und überprüft den Wagen noch per Funk. "Der Beifahrer ist neun Mal wegen Köperverletzung und Diebstahl erfasst. Das wäre jetzt lustig geworden, wenn ein Haftbefehl vorgelegen hätte."

Kurz nach fünf Uhr in der Früh, die Schichtarbeiter lösen das Feiervolk ab. Nach einer weiteren Runde durch die Innenstadt lauert das Einsatzkommando in der Nähe des 99Grad. Autos warten im McDonald's-Drive-In, Betrunkene wanken vorbei. "Der Alte da mit dem Bart im VW-Golf wartet bestimmt auf seinen stracken Sohnemann", erklärt Wellstein. Etwa fünf Minuten stehen der erfahrene Polizist und sein junger Kollege auf dem dunklen Parkplatz des Fitnessstudios und beobachten die Straße. Hellwach, aber mittlerweile mit Rändern unter den Augen. "Ich hacke auch mal Holz, um zur Ruhe zu kommen. Ich kann aber auch einfach zuhause abschalten. Nach so einer Nachtschicht quäle ich mich und rutsche auf der Couch rum, bis ich dann am Abend richtig müde bin", sagt Wellstein. Dann bricht Wilhelm1430 für zwei weitere Runden um die Brücke auf. Kurz vor dem geplanten Schichtende, es ist 6.30 Uhr, taucht dann ein weißer VW-Polo auf. "Der fährt ja überhaupt nicht schön. Den schaue ich mir jetzt noch an", sagt Wellstein und drückt aufs Gas. Der Polo fährt mit leichten Schlangenlinien von der Hilbringer Brücke ab auf die Autobahn nach Saarbrücken. Wellstein überholt kurz vor dem Rastplatz Niedmündung. Bies lotst den Kleinwagen mit der Kelle in die Haltebucht. Ein Mann mit schwarzer Wollmütze auf dem Kopf lässt das Fenster runter: "Ich habe nichts getrunken." Wellsteins Augenbrauen gehen hoch: "Sie haben was getrunken. Ich sehe das doch. Bitte mal aussteigen, wir machen einen kleinen Test." Es fiept, als der etwa 40-Jährige ins Röhrchen bläst: 0,8 Promille.

Der Mann wippt in seinen schwarzen Basketball-Turnschuhen kaum merklich vor und zurück. Er hat keine Papiere bei sich, sagt er, heiße Herr Grün (Name geändert, die Redaktion). Während Wellstein im Auto das Funkgerät bedient, bittet der Mann Bies, ein Auge zuzudrücken. Er habe früher als Kickboxer Showkämpfe in Diskotheken bestritten, erzählt er. Heute Abend seien es nur zwei Drinks gewesen. Sein Schwager, der auf dem Beifahrersitz hockt, habe einen über den Durst getrunken. "Das muss doch jetzt nicht sein, ist doch nicht weit nach Saarbrücken." Es muss sein. Die Polizisten konfiszieren den Autoschlüssel, der Schwager legt sich in den Wagen zum Schlafen und bleibt zurück.

Auf der Fahrt zur Wache schmatzt "Herr Grün" auf dem Rücksitz, raschelt mit einer Tüte Pommes, während die Beamten die rechtlichen Konsequenzen erklären. Vor der Inspektion angekommen, wird es Wellstein zu bunt: "Jetzt lassen sie das Essen mal sein. Es muss jetzt mal vorangehen", fährt er ihn an. Der Mann verstummt. Ein gerichtsverwertbarer Atemalkoholtest mit einem Spezialgerät ergibt schließlich: 1,06 Promille. Noch eine Ordnungswidrigkeit, ganz knapp am Wert von 1,1 vorbeigeschrammt, ab dem die Trunkenheit am Steuer strafbar wird. Als Wellstein den Testraum verlässt, um Name und Anschrift zu überprüfen, öffnet "Grün" wieder seine Tüte mit Fast Food. Der junge Kommissar bleibt ruhig und plaudert mit dem Betrunkenen über Unverbindliches. Mittlerweile ist es sieben Uhr am Sonntagmorgen und Wellstein kehrt sauer zurück: "Warum geben sie die falsche Hausnummer an? Sie sind unter einer anderen gemeldet." Der Polizist mit dem Schnauzer wird sehr ungehalten, erklärt dem Betrunkenen, dass ein Monat Fahrverbot, Bußgeld und Verfahrenskosten auf ihn warten. Dann zeigt er ihm mit bestimmter Miene den Ausgang. "Ihr seid ganz liebe Polizisten, seid ihr", sagt der Betrunkene und klopf den Kommissaren auf die Schultern. Zum Abschied entblößt er auf seinem Unterarm das Tattoo einer Rockerbande.

Schichtende, letzte Protokolle werden geschrieben. Über den Flachbildschirm im Sozialraum flimmert eine Endlosnachrichtensendung. Die Kommandos hängen sichtlich gerädert in den Stühlen. Augen werden gerieben, Anekdoten erzählt, dann kommt der Kollege mit der Brötchentüte. Bilanz der Nacht: zwei festgestellte Straftaten wegen Trunkenheit am Steuer und Besitz von Cannabis. Vier Ordnungswidrigkeiten wegen Autofahren über der 0,5-Promille-Grenze sowie zwei wegen Drogen im Blut. Die Polizisten sind zufrieden: Auf dem Heimweg zählt der Dienstgruppenleiter etwa siebzig stehen gelassene Autos rund um die Hilbringer Brücke.

"Herr Grün" sitzt zwei Tage später wieder auf der Wache. Diesmal in der Zelle im Keller, denn er heißt nicht Grün. Die Polizei suchte ihn wegen räuberischer Erpressung. Wellstein verhaftete den Mann nach weiteren Ermittlungen in einer Wohnung in Mettlach. Auf einem Glastisch hatte er weißes Pulver in zwei schmale Linien zum Schnupfen vorbereitet. "Das war ja ein Stinksack. Da ist was faul an der Nummer, da musst du dranbleiben", habe ihm sein Bauchgefühl am Sonntag auf der Couch geflüstert. Wellsteins Schnauzer krümmt sich mal wieder leicht, als er das erzählt.

Rund sechs Stunden im Nachteinsatz: Kommando „Wilhelm 1430".
Die optimale Promillezahl.
Zahlreiche Autofahrer mussten fest ins Röhrchen pusten.
Hier war es ein bisschen zu viel . . .
. . . und hier der Führerschein weg.

Zum Thema:

HintergrundTrunkenheit und Drogen am Steuer gehören zu den fünf häufigsten Unfallursachen im Saarland. Im Jahr 2012 ermittelte die Polizei in 6,6 Prozent der Verkehrsunfälle Alkohol- Drogen- oder Medikamentenmissbrauch als Grund. Der Anteil der Verkehrsunfälle, bei denen allein Alkohol im Spiel war, geht seit Jahren zurück: 2003 betrug er saarlandweit 3,8 Prozent, 2012 waren es noch 2,4 Prozent. Berauschte Autofahrer verursachten im Jahr 2012 ganze 215 Unfälle im Kreis Merzig-Wadern. 28 Menschen wurden dabei der polizeilichen Unfallstatistik zufolge schwer und 79 leicht verletzt. Aktuelle Zahlen für das Jahr 2013 werden voraussichtlich im März veröffentlich. krt