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Auf dem schwimmenden Schneckenhaus

Heino Brand (links) im Gespräch mit dem holländischen Bootsfahrer Bert den Breker. Foto: Oliver Dietze
Heino Brand (links) im Gespräch mit dem holländischen Bootsfahrer Bert den Breker. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Die meisten Saarbrücker bekommen davon nichts mit, aber Saarbrücken ist nicht nur am Saar-Spektakel-Wochenende Ziel vieler Flusstouristen. Dass der Osthafen ein beliebter Ort für Hausbootfahrer geworden ist, liegt vor allem am Motorboot-Club Saar, der den Hafen engagiert managt. Martin Rolshausen

Bert den Breker trägt keine Uhr. Was sollte er auch damit? In der Welt des Holländers spielt Zeit keine Rolle. Bert den Brekers Welt sind Flüsse und Kanäle in ganz Europa - und die 14 Tonnen Stahl, aus der die "Calcator" gemacht ist. Die "Calcator" ist nicht nur ein Boot. Sie ist Bert den Brekers Zuhause. Zumindest für etwa vier Monate im Jahr, in denen er und seine Frau mit dem Boot unterwegs sind. Und nochmal für etwa fünf Monate, die er an seinem Boot arbeitet - daheim in Rotterdam bei seinem Club "De Kreek".



"Es gibt immer etwas zu basteln. Man muss sich zu helfen wissen, handwerkliches Gespür haben", sagt Heino Brand. Er ist der Präsident des Motorboot-Clubs Saar. Rund 70 Mitglieder hat der Verein, 36 davon haben ein eigenes Boot im Osthafen liegen. Es ist ein sonniger Morgen Ende Juli, Heino Brand und Bert den Breker reden über Zylinder, Hochwasser, Schleusen und Häfen .

"Bootsfahrer", sagt Bert den Breker, "haben immer etwas zu erzählen. Und wenn sie mal nichts mehr zu reden haben, dann sagen sie: ,Prost!'." Von Saarbrücken wird der Holländer einiges zu erzählen haben. Eine "prima Anlage" sei das hier. Die Duschen und Toiletten seien in außergewöhnlich gutem Zustand. "Wäsche gewaschen, Bier getrunken" hat er. Was erwartet man mehr von einem guten Hafen?

Heino Brand hört solche warmen Worte nicht zum ersten Mal. Die Anlage, in der zwischen 300 und 500 Gastboote im Jahr für eine oder mehrere Nächte anlegen, wurde von der Stadt eingerichtet und wird vom Motorboot-Club verwaltet. "Diese Touristen-Übernachtungen tauchen in keiner Statistik auf", sagt Brand. Aber es gehe ja eh nicht um Statistik, sondern um "Freundschaft auf dem Wasser".

Die sei etwas ganz Besonderes. Wenn jemand auf einem Fluss oder in einem Kanal ein Problem habe, werde er nicht alleingelassen. "Auf der Straße, da hält lange kein Auto an, wenn man liegen geblieben ist", sagt Brand. Auf dem Wasser sei das anders. Das liege vielleicht daran, dass hier nicht gerast wird. Selbst Boote , die stärkere Motoren haben, seien selten mit mehr als acht bis zehn Kilometern pro Stunde unterwegs.

So komme man von Saarbrücken mit seinem "schwimmenden Schneckenhaus" in drei Wochen ans Mittelmeer, in zwei Wochen an die Nordsee, sagt Brand. Paris sei auch ein beliebtes Ziel. Zeit müsse man aber haben. Heino Brand ist 67 Jahre alt, Bert den Breker 65. Gearbeitet haben sie genug im Leben, sagen sie. Nun sei es "an der Zeit zu genießen".

Und wenn man diese Zeit habe, dann erlebe man auch die Bootstouren anders als früher, als sie in eine enge Urlaubsplanung gezwängt werden mussten, sagt Brand.

Bert den Breker nickt. Als Junge war er mit seinem Vater, einem Binnenschiffer , unterwegs. Später ist er auf dem Meer gesegelt. Nun ist er angekommen - auf den Flüssen, in den Kanälen. Dort, wo man Skandinavier trifft, die mit kleinen Segelbooten zum Mittelmeer reisen, Neuseeländer, bei denen zuhause jetzt Winter ist, Belgier, Schweizer, Franzosen, Holländer - Menschen, die keine Uhren brauchen.

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