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Auch ganz kleine Totgeborene sollen im Saarland künftig bestattet werden

Auch ganz kleine Totgeborene sollen im Saarland künftig bestattet werden

Kommt ein Baby unter 500 Gramm tot auf die Welt, können die Eltern es beisetzen, andernfalls wird es von den Kliniken entsorgt. Um auch den Kleinsten eine würdige Bestattung zu ermöglichen, sollen Krankenhäuser Eltern künftig verstärkt auf die Möglichkeit der Beisetzung hinweisen.

Für Eltern gibt es wohl nichts Schlimmeres, als den Tod des eigenen Kindes zu erleben - auch wenn sie nie die Möglichkeit hatten, Zeit mit ihm zu verbringen, weil es als sogenanntes Sternenkind tot auf die Welt kam. "Die trauernden Eltern hören dann oft Sätze wie ‚Das war ja noch nicht wirklich ein Kind' oder ‚Sei froh, dass du wenigstens schwanger werden kannst'", sagt Anika Müller, die selbst ein Sternenkind hatte - ihre Tochter Elisabeth. Eltern merkten oft erst einige Zeit später, wie sehr sie das kleine Wesen bereits geliebt haben. Und bräuchten Raum zum Trauern. "Nur wer die Berechtigung von außen bekommt zu trauern, der trauert auch gut", ist Müller überzeugt. Dabei hilft vielen ein Grab als ein Ort, um den Tod eines geliebten Menschen besser zu verkraften. "Nicht zu wissen, wo das eigene Kind ist, bereitet vielen Eltern großen Kummer", so Müller.

Stirbt ein Baby schon ganz früh, noch bevor es 500 Gramm wiegt, ist im Saarland eine Bestattung rechtlich gesehen nicht notwendig, da das Kleine noch nicht als Leiche zählt. Dabei ist das Baby mit einem halben Kilogramm Körpergewicht bereits voll ausgebildet, viele Frühchen ab 450 Gramm seien überlebensfähig, sagt Dr. Johannes Bettscheider, Vize-Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte.

Im saarländischen Bestattungsgesetz heißt es: "Eine tot geborene oder während der Geburt verstorbene Leibesfrucht mit einem Gewicht unter 500 Gramm (Fehlgeburt) kann auf ausdrücklichen Wunsch eines Elternteils bestattet werden. Anderenfalls ist sie von der Einrichtung, in der die Geburt erfolgt ist, hygienisch einwandfrei und dem sittlichen Empfinden entsprechend zu beseitigen." Übersetzt heißt das, dass der Embryo mit abgetrennten Körperteilen anderer Menschen verbrannt und entsorgt wird, erklärt Bettscheider: "Die Eltern wissen also gar nicht, wo ihr Baby ist." Sofern sie sich nicht für eine private Beisetzung entscheiden. In Saarlouis, wo der Gynäkologe tätig ist, gebe es alle drei Monate eine Sammelbestattung, bei der die totgeborenen Frühchen während einer ökumenischen Messe gemeinsam in einer Urne beigesetzt werden. Die Kosten dafür übernehme das Krankenhaus, unterstützt von Spenden.

Bestattungen von Totgeburten und Fehlgeburten unter 500 Gramm seien in allen saarländischen Gemeinden und Städten sichergestellt, teilt das Sozialministerium auf Anfrage mit. "Aber viele Eltern wissen gar nicht, dass es die Möglichkeit einer Bestattung überhaupt gibt, weil niemand sie darauf hingewiesen hat", moniert Anika Müller, die 2007 die Selbsthilfegruppe Sternenkinder Homburg/Saar gegründet hat.

Um das zu ändern und Frühchen nicht im Klinikmüll landen zu lassen, habe sie Kontakt zur Landesregierung aufgenommen. Mit Erfolg: Fehlende Auskunft soll nach Angaben des Sozialministeriums künftig passé sein. Laut Ministeriumssprecherin Annette Reichmann will das Land noch in dieser Legislaturperiode das Bestattungsgesetz ändern. Wird ein Sternenkind in einem Krankenhaus geboren, muss demnach mindestens ein Elternteil auf die Möglichkeit einer Beisetzung hingewiesen werden. Zudem sollen Sternenkinder mit einem Gewicht unter 500 Gramm "auf Verlangen eines Elternteils" bestattet werden.

In Rheinland-Pfalz geht eine kürzlich vom Landtag verabschiedete Gesetzesneuerung noch weiter: Totgeborene Kinder unter einem halben Kilogramm müssen beigesetzt werden. "Elternliebe misst sich nicht an einer Grammzahl", sagte die rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner dazu.