Atem holen für den großen Wurf

Saarbrücken. Wer in diesen Sommertagen durch die Saarbrücker Innenstadt streift und die Protagonisten der hiesigen Kulturszene (er)kennt, dem eröffnet sich manch ungewohntes Bild. Da sieht man etwa Marion Künster verträumt am Straßenrand stehen, mit einem Gesichtsausdruck, als wollte sie sagen: Ich habe alle Zeit der Welt

Saarbrücken. Wer in diesen Sommertagen durch die Saarbrücker Innenstadt streift und die Protagonisten der hiesigen Kulturszene (er)kennt, dem eröffnet sich manch ungewohntes Bild. Da sieht man etwa Marion Künster verträumt am Straßenrand stehen, mit einem Gesichtsausdruck, als wollte sie sagen: Ich habe alle Zeit der Welt. Oder man entdeckt Charlie Bick, der gemütlich entspannt in einem Café am St. Johanner Markt sitzt.

Bedürfnis nach einer Auszeit

Für viele Saarbrücker ist das ein ganz neuer Anblick. Denn schließlich kennt man die beiden seit über 20 Jahren im Sommer quasi nur im Dauerlauf. Denn Marion Künster und Charlie Bick sind die Macher eines der wohl beliebtesten Festivals an der Saar, der Sommer-Szene. Alljährlich seit 24 Jahren bringt dieses Festival Anfang August normalerweise Straßentheater-Kunst nach Saarbrücken, Völklingen und Dillingen. Aber - und das haben noch nicht alle Leute mitbekommen - in diesem Jahr fällt das Straßentheater aus.

"Wir hatten beide das Bedürfnis nach einer Auszeit", erklärt Bick. Er und Künster sind ja nicht nur mit der Sommer-Szene beschäftigt. Die ist, finanziell gesehen, eher schon ein Hobby. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie anderswo, als Kulturmanager in verschiedensten Städten. Sie organisieren zum Beispiel Festivals in Ludwigshafen (Künster) oder in Heilbronn-Moosbach (Bick), managen gemeinsam das große Straßentheater-Festival in Rastatt oder entwickeln Kultur-Konzepte für Städte wie Neckarsulm. Sie sind gut im Geschäft. "Das wurde ein steter Kreislauf, immer weiter, weiter, weiter", berichtet Bick.

Als beide unabhängig voneinander vor ein paar Monaten ein Gefühl von Nicht-mehr-klar-denken-können bekamen, zogen sie die Notbremse. Sie beschlossen, ein Jahr vor dem 25. Jubiläum der Sommer-Szene eine Verschnaufpause einzulegen. "Ich bin jetzt 53 Jahre alt", meint Charlie Bick, "ich habe schon Kollegen, die um mich rum sterben". Da wird man nachdenklicher, vielleicht auch ein bisschen anspruchsvoller in dem, was man tut.

Als Marion Künster und Charlie Bick entschieden, die Sommer-Szene 2008 ausfallen zu lassen, war das, so erzählen sie, auch ein Test. Sie wollten von den Kooperationspartnern in Stadt und Land, aber auch von ihren ehrenamtlichen Helfern im Verein Kultur direkt e.V. wissen: "Wollt Ihr überhaupt noch mit uns?". Das Ergebnis sei, so erzählen sie, viel Verständnis für ihre Auszeit gewesen "und ein klares Bekenntnis zum Festival".

So wird es das 25. Festival 2009 also in jedem Fall geben. Womöglich noch schöner als zuvor. Denn durch das Saarbrückens Jubiläum "100 Jahre Großstadt" fließt wahrscheinlich mehr Geld.

Aber wie geht es ihnen persönlich nun so, ohne Stress im Sommer? Erst mal sind beide jeweils eine Woche in Urlaub gefahren. Luxus pur. Aber aus dem Laufrad kommt ihr innerer Hamster immer noch nicht. "Nach 24 Jahren geht der Adrenalinspiegel im Sommer automatisch hoch", weiß Bick. Und es sei ja nicht so, als gäbe es nichts zu tun. "Aber es ist schon toll, mal nicht 60 Stunden, sondern nur 30, 40 zu arbeiten", finden beide. Die gewonnene freie Zeit nutzen sie auch, um an 2009 zu feilen. "Man hat den Kopf frei, kann endlich mal wieder großflächig denken." So manch Großes, auch Schräges haben sie schon geplant. "Aber das wird noch nicht verraten." Und in der gewonnenen Freizeit erwandert sich der begeisterte Wahl-Saarbrücker Charlie Bick die Täler und Höhen des Saarlandes.

www.sommerszene.de

Marion Künster.
Charlie Bick Fotos: Becker&Bredel.