Arme Stadt gab marode Markttoilette auf

Saarbrücken. In Zeiten leerer Stadtkassen fehlt das Geld für so manches öffentliche Grundangebot. Die Ende 2008 geschlossene Toilette am St. Johanner Markt beschreibt diesen Wandel von der öffentlichen zur privaten Dienstleistung. Ursprünglich erreichte man die 1928 errichtete Anlage über zwei Treppen, dann stand nur noch eine zur Verfügung

Saarbrücken. In Zeiten leerer Stadtkassen fehlt das Geld für so manches öffentliche Grundangebot. Die Ende 2008 geschlossene Toilette am St. Johanner Markt beschreibt diesen Wandel von der öffentlichen zur privaten Dienstleistung. Ursprünglich erreichte man die 1928 errichtete Anlage über zwei Treppen, dann stand nur noch eine zur Verfügung. Alles andere als barrierefrei, war sie für Gehbehinderte schwer zugänglich. Außerdem hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Die Anlage brauchte eine komplette Sanierung, die, so die Schätzung der Stadt, 100 000 Euro gekostet hätte. Geld stinkt nicht, wusste schon Kaiser Vespasian und erhob eine Latrinensteuer. Aber heute bringen Toiletten kein Geld mehr. "Toiletten allein rechnen sich nicht, höchstens als Standort für Werbung. Das ist das heute entscheidende Kriterium für die Aufstellung einer Toilette", sagt Architekt Igor Torres. Dafür sorgt die Werbefirma J.C. Decaux und sucht viel frequentierte Standorte. Nicht, weil dort das öffentliche Bedürfnis groß ist, sondern weil viele Passanten auf die in der Box integrierte Plakatwand schauen. Das erklärt, warum die Firma ihre Anlagen lieber in der belebten Innenstadt als in Stadtteilen aufstellt. Die Firma Decaux betreibt bereits selbstreinigende automatische WCs an der Ecke Wilhelm-Heinrich-Brücke/Saarcenter, in der Reichs- sowie in der Roonstraße. Die 2008 am Kaltenbachplatz aufgestellte Anlage ersetzt die geschlossene Toilette auf dem St. Johanner Markt. Die drei mal vier Meter großen Boxen im Design von Philipp Cox kosten 30 Cent pro Nutzung. Wer das nicht will, macht weiterhin Unterführungen zu stinkenden Harn-Röhren. Ästhetische Fragen, Fragen nach der Qualität des öffentlichen Raumes spielten keine Rolle mehr, bemerkt Igor Torres. Das sorge für die Wiederkehr des Immergleichen, ob in Saarbrücken, Remscheid oder Lyon. Über den Standort einer Toilettenbox entscheide ihre Qualität als Plakatwand. Schon 1850 plante Ernst Litfaß, den nach ihm benannten Anschlagsäulen Pissoirs einzubauen. Heute ist diese Verbindung von Wirtschaftlichkeit und Marketing an der Tagesordnung.

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