Arbeit, die „unheimlich motiviert“

Schaut man in Kindergärten oder Krippen, muss man sie regelrecht suchen: männliche Erzieher. Aber das Interesse des „starken Geschlechts“ am Beruf scheint größer zu werden. Eindrücke aus einer Saarbrücker Erzieher-Akademie.

Er veranstaltet schon mal ein Schneckenrennen - oder zeigt dem Nachwuchs Würmer in einem Terrarium: "Frauen finden so etwas vielleicht igittigitt - aber den Kindern gefällt es", sagt Julian Wilhelm und lächelt überzeugt. Begleitet vom zustimmenden Lachen seiner Mitschüler fügt er hinzu: "Männer veranstalten oftmals andere Aktivitäten."

Das ist die Antwort des 18-Jährigen aus St. Ingbert auf die Frage, ob und wie sich die Arbeit von Männern und Frauen im Erzieherberuf unterscheidet. Und warum Männer in diesem Job ebenfalls wichtig sind. Auch andere melden sich dazu zu Wort: "Männer lassen die Kinder eher mal explodieren, ihre Erfahrungen machen", sagt der Saarbrücker Antwan Clarence Smith, 31. Der 41-jährige Frank Doniat fügt hinzu: "Die Kinder können sich eher mal ausprobieren." Und der 17-jährige Sami Bonfiglio aus Saarbrücken weist energisch darauf hin, dass "gerade in Kindergärten männliche Bezugspersonen gehören". Erst recht, wenn die Kinder ohne Vater aufwachsen. Da nicken viele.

Es ist eine lebhafte Runde, die sich hier in einem Klassenraum im Sozialpflegerischen Berufsbildungszentrum (SBBZ) versammelt hat.

Eine Frau hat die Männer - darunter auch ein Franzose, ein Amerikaner und ein Italiener - zusammengetrommelt: Studienrätin Monika Krahmer. Die 44-Jährige unterrichtet psychologische und pädagogische Inhalte und hat mit vielen der Anwesenden zu tun. Die sind mitten in ihrer Erzieher-Ausbildung an der zum SBBZ gehörenden Fachschule für Sozialpädagogik /Akademie für Erzieher-/innen, besuchen die Unter- oder Oberstufe. Danach wird noch ein fachpraktisches Jahr folgen. Zwar sind sie, im Vergleich zu den Frauen, mit etwa 20 Prozent in jeder Stufe in der Unterzahl. Aber es sind schon mehr als noch vor einigen Jahren, sagt Krahmer. Man habe einen stetigen Anstieg zu verzeichnen.

Warum? Laut Schulleiterin Hildegard Linicus-Rüssel könne es daran liegen, dass es eine generalistische Ausbildung ist - dass man also nicht nur in Kitas arbeiten kann, sondern auch in Krippen, Horten, Wohngruppen oder Heimen. Zudem biete sich durch den Erwerb der Fachhochschulreife die Möglichkeit, nach der Ausbildung zu studieren, eine Leitungsfunktion zu erhalten. Außerdem sei verstärkt darauf aufmerksam gemacht worden.

Wie die Männer in dem Raum zu der Berufsentscheidung kamen, ist facettenreich. Die meisten haben Abitur, viele haben zuvor etwas anderes studiert, manche arbeiteten. Antwan beispielsweise hat in Amerika ein Bachelor-Studium in Psychologie abgeschlossen. In Deutschland begann der leidenschaftliche American-Football-Spieler, selbst Vater, die Erzieher-Ausbildung, "weil Kinder die wichtigsten Menschen sind, weil sie Unterstützung brauchen", wie er es ausdrückt.

Frank Doniat aus Saarbrücken hat Pädagogik studiert, war dann in der freien Wirtschaft. "Vor 20 Jahren wäre ich dafür noch nicht bereit gewesen, da war ich noch zu sehr auf mich fokussiert." Jetzt sei er gesetzter, ruhiger - und wolle etwas tun, was Sinn mache: "Ich habe mich entschieden, etwas zurückzugeben." Marvin Alamba (25) aus Saarbrücken fand über ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) hierher: "Ich habe gemerkt, dass ich sehr gut mit Kindern klarkomme."

Tobias Baranyai, 21, und ebenfalls aus Saarbrücken , zuvor Informatikstudent, ist hier, weil die Arbeit "unheimlich motiviert und viel Spaß macht, mehr als Informatik".

Die oft geäußerte Kritik an der Entlohnung ist auch hier ein Thema. Der Geldaspekt sei natürlich einer, heißt es. Gut, dass für mehr Lohn gekämpft werde. Aber dieser Punkt sei einer von vielen. Es komme auch darauf an, etwas Sinnvolles zu tun. "Das Geld ist Nebensache", sagt Marvin. Julian betont, dass es wichtig sei, selbst Freude bei einer Sache zu haben.

Sie alle haben, beispielsweise im Vorbereitungsjahr oder bei Praktika , schon Erfahrungen gesammelt. Gab es mal komische Reaktionen, eben, weil sie Männer sind? Zögerlich fallen die Antworten aus. Da wird davon berichtet, dass einer im Fahrdienst keine Mädchen allein fahren sollte. Und der andere nur Jungen die Windeln wechseln durfte. Und einer wurde von Eltern gefragt, ob er denn schwul sei. "Es ist schade, dass viele da noch mit Vorurteilen drangehen", urteilt der 20-jährige Felix Schmitt aus Eppelborn. Aber die Zuversicht ist in diesem Raum groß, dass sich dies noch ändert. "Das entwickelt sich", sagt Frank.

Meinung:

Die Mischung macht's

Von SZ-RedakteurinUlrike Paulmann

Huch, ein Mann. Jüngst habe ich mich dabei ertappt, wie ich mich wunderte, als ich in der Kita einen Praktikanten sah. Diese Reaktion, vielleicht verständlich, zeugt leider davon, wie verzerrt manchmal die Wahrnehmung ist - schade!

Von den 325 447 Menschen im Regionalverband, die das Statistische Amt Mitte 2014 zählte, waren 158 219, etwas weniger als die Hälfte, männlich. Wo findet sich dieses Verhältnis, auch nur in allergröbster Ausprägung, in den Einrichtungen, die wichtig sind für die Zukunft unserer Kinder, wieder? Ohne große Quotenüberlegungen zu bemühen, da läuft etwas falsch. Frauen erziehen famos - aber Männer eben auch. Und sie bringen durch ihr Mann-Sein noch andere Qualitäten und Themen mit in den (Kita-)Alltag. Was für Jungs und Mädchen spannend sein kann. Die Mischung macht's eben.

Zum Thema:

Auf einen BlickIm Regionalverband gibt es zwei Schulen, die eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher anbieten: Das Sozialpflegerische Berufsbildungszentrum Saarbrücken und die Katholische Fachschule für Sozialpädagogik Saarbrücken . An letzterer sind nach Auskunft der Schulleiterin Mechthild Denzer "mindestens ein Drittel bis die Hälfte" aller Schüler in den Klassen männlich. Dies liege daran, dass die Schulträger Jugendhilfeeinrichtungen betreiben und die Schüler dort oft Praktika machen - hier seien in der Regel mehr Männer tätig als beispielsweise in Kitas. Die Adressen: Sozialpflegerisches Berufsbildungszentrum (SBBZ) Saarbrücken , Schmollerstraße 10, 66111 Saarbrücken , Tel. (06 81) 93 80 20. Katholische Fachschule für Sozialpädagogik Saarbrücken , Hauptstraße 83, 66123 Saarbrücken , Tel. (06 81) 3 37 92. upsbbzsb.dekfs-saarbruecken.de