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Antibiotika-Einsatz soll sinken

Antibiotika sollten mit einem Glas Wasser eingenommen werden, Milch kann die Wirkung mindern. Foto: Hiekel/dpa
Antibiotika sollten mit einem Glas Wasser eingenommen werden, Milch kann die Wirkung mindern. Foto: Hiekel/dpa FOTO: Hiekel/dpa
Saarbrücken. Die Zahl der Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, steigt. Daher rufen Ärzte und Apotheker im Saarland zu einem gewissenhaften Umgang mit Antibiotika auf. Oft würden diese unnötig verordnet oder falsch eingenommen. Ute Kirch

Entzündete Blase, vereiterte Mandeln, gefährliche Lungenentzündung - das sind typische Einsatzgebiete von Antibiotika . Die Mittel helfen immer dann, wenn Bakterien im Körper eine Infektion ausgelöst haben. Die Arzneien töten die Keime ab oder verhindern zumindest, dass sie sich vermehren. Doch eine fehlerhafte Anwendung trägt dazu bei, dass bakterielle Erreger gegen Antibiotika resistent werden, also dass die Bakterien widerstandsfähig werden und bei einer Infektion das Antibiotikum wirkungslos bleibt. Und die Zahl der resistenten Bakterien wächst weltweit.

"Viele sind verantwortlich für diese Entwicklung: Ärzte verschreiben die Mittel unnötig, Patienten nehmen sie nicht lange genug ein. Auch der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast lässt resistente Erreger entstehen, die über das Fleisch auf den Menschen übergehen können", sagte gestern Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU ). Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), der Ärztekammer des Saarlandes und der Apothekerkammer des Saarlandes hat das Ministerium daher eine Kampagne ins Leben gerufen, die für einen bewussten Einsatz von Antibiotika wirbt. Die neue Info-Broschüre "Antibiotika , mit Sinn und Verstand einsetzen" soll in Arztpraxen , Zahnarztpraxen sowie Apotheken ausgelegt werden.

"Oft werden die Antibiotika nicht lange genug eingenommen, wenn sich der Patient am nächsten Tag schon wieder besser fühlt. Mancher hebt sich die Arznei auf bis zur nächsten Erkrankung", nennt Manfred Saar, der Präsident der Apothekerkammer, typische Anwendungsfehler. Oft sei auch das Wissen über diese Arznei unzureichend. "Antibiotika helfen nicht gegen Viren oder Pilze. Sie helfen somit auch nicht etwa gegen Grippe und Erkältung", sagt Bachmann.

Von Juni 2015 bis Juni 2016 haben niedergelassene Ärzte im Saarland 4,8 Millionen Einzeldosen Antibiotika verschrieben. "Das sind rund fünf Dosen pro Versichertem", rechnet der stellvertretende KV-Vorsitzende Joachim Meiser vor. Das Saarland verordne von den westdeutschen Bundesländern somit am meisten Antibiotika - was zum Teil auch an der Altersstruktur liege, die älter als im Durchschnitt ist. Um den Verbrauch zu senken, will die KV im nächsten Jahr einen Modellversuch gemeinsam mit den Ersatzkassen starten. "Die Verordnung soll sicherer werden, etwa durch bessere Tests, ob eine bakterielle Infektion vorliegt. Diese Tests sind oft aufwendiger und kosten auch mehr", erläutert Meiser. Dadurch sollen, sofern möglich, auch statt Breitband-Antibiotika, die gegen eine Vielzahl von Bakterien wirken, schmalspurige Antibiotika eingesetzt werden. Erfolg hatte die KV damit bereits im Bereich der Kinderärzte. Hier habe man die Antibiotika-Verordnungen in den Jahren 2009 bis 2014 um ein Viertel senken können.

"Die Bereitschaft der Patienten , es zunächst ohne Antibiotika zu versuchen, ist etwas besser geworden", sagt Eckart Rolshoven, Vorstandsmitglied der Ärztekammer. Einige Patienten klagten über hohen Druck im Arbeitsleben, der es ihnen nicht erlaube, sich langsam auszukurieren - daher setzten sie auf Antibiotika .

Ein großes Problem liege in der Tiermast, waren sich die Beteiligten einig. "Der Einsatz von Reserve-Antibiotika, die bei uns Menschen das letzte Mittel sind, gehört auch in der Tiermast verboten", fordert Apotheker Saar. Zudem müsse die Meldepflicht für den Einsatz von Antibiotika auf alle Nutztiere ausgedehnt werden, noch seien etwa Milchkühe außen vor. "Parallel dazu müssen wir uns aber auch für eine intensivere Forschung auf dem Gebiet der Neuentwicklung von Antibiotika einsetzen", so Saar.

Meinung:

Wunderwaffe in Gefahr

Von SZ-Redakteurin Ute Klockner

Antibiotika waren bei ihrer Erfindung vor rund 70 Jahren eine Revolution - sie retteten Schätzungen zufolge etlichen Millionen Menschen das Leben. Doch inzwischen droht diese Wunderwaffe ihre Schlagkraft zu verlieren. Die Zahl der resistenten Bakterien wächst weltweit. Antibiotika wirken immer weniger. Aufklärung über den sinnvollen Einsatz tut daher Not, damit im echten Notfall noch ein Antibiotikum die Rettung bringen kann.

Ekelhaft ist die Erkenntnis, dass für den Menschen schädliche Antibiotika in der Tiermast eingesetzt werden - und über den Fleischverzehr doch in unsere Körper gelangen. Hier ist auch die EU gefordert, durch entsprechende Verbote ihre Bürger zu schützen.

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