Angst und Schrecken auf der langen Flucht

Fremde Menschen suchen bei uns Hilfe und Zuflucht. Es gab aber Zeiten, da waren die Saarländer auf der Flucht. Wurden evakuiert, abtransportiert in für sie unbekannte Gegenden, wo sie oft überhaupt nicht willkommen waren. Wir haben einige der letzten Zeitzeugen gebeten, über ihre Erlebnisse zu berichten. Im letzten Teil kommen auch Menschen aus den damaligen Kriegsgebieten im Osten zu Wort, die bei uns eine neue Heimat gefunden haben.

Nach Saarbrücken führte die Flucht von Elisabeth, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie kommt aus Ostpreußen , aus dem Ermland. Zehn war sie, als die Familie geflüchtet ist - die Eltern, ihre älteren Schwestern und sie. Aber die Russen haben sie eingeholt, und "die russischen Frontsoldaten waren grausam": Mutter und Schwestern hätten sie vergewaltigt. Elisabeth erinnert sich an brennende Häuser, an Angst und Schrecken - und an die bis 1946 dauernde Odyssee, bis sie in Berlin ankamen, im Güterzug, verwahrlost, voller Krätze .

Aber da war ihre Odyssee noch nicht zu Ende, weitere Stationen wären zu nennen - später ist sie dann durch Heirat nach Saarbrücken gekommen. Und sie ist geblieben. Gern. Sie ist eine große Stütze in der Arbeit ihrer Pfarrgemeinde.

Wir haben auch Ilse Ney in Püttlingen besucht. Sie wird in diesen Tagen 97 Jahre alt. In Schneidemühl, an der ehemaligen polnischen Grenze, ist sie geboren und hat schon 1942 einen Saarländer geheiratet.

Sie erzählt von dem politischen Hin und Her, von den Polen in ihrem heimischen Umfeld, mit denen die Deutschen früher gut ausgekommen seien. Ilse Ney hat, und das nennt sie ihr großes Glück, keine Luftangriffe erlebt, kein Bombardement. Dann ist sie ins Saarland gezogen, bekam zwei Kinder und lebt nun, verwitwet, in Püttlingen. Ob sie wieder mal in ihrer alten Heimat Pommern war? Nein, es zieht sie nichts hin.

Noch ein Einzelschicksal, das sich heute skurril liest, aber für den Betroffenen voller traumatischer Erlebnisse war: Der Saarbrücker Dieter Schumann, 1931 in Saarbrücken geboren, wurde 1935 als kleines Kind ausgewiesen: Der Stiefvater war Lothringer. Der Rest kurzgefasst: Einschulung in Straßburg, lateinische Schrift, 1939 Evakuierung Straßburgs, ab nach Südfrankreich, 1940 waren die Lothringer wieder Deutsche, zurück nach Saarbrücken , Schule, Sütterlin-Schrift, 1942 Umstellung auf lateinische Schrift in Deutschland. Im selben Jahr mit der ganzen Klasse zur Kinderlandverschickung (KLV) ins Riesengebirge für ein halbes Jahr. Das war eine furchtbare Zeit für die Kinder. Schumann: "Das haben wir nur durchgestanden, weil wir die freie Zeit mit Singen verbracht haben". Dann nochmals KLV nach Thüringen, dort kam die Befreiung. Er machte sich mutterseelenallein auf die Suche nach der Mutter. Die galt übrigens durch ihre Heirat als Französin, Dieter war Deutscher - aber um über die daraus resultierenden Konflikte zu schreiben, fehlt uns leider hier der Platz.

Übrigens würde sich Schumann freuen, wenn Teilnehmer an seiner damaligen "Kinderlandverschickung" sich mit ihm in Verbindung setzen.

Am Ende der Serie schlagen wir den Bogen noch einmal zurück an den Anfang, zur Evakuierung. Die Autorin dieser kleinen Serie, in Pirmasens geboren, 1939 bei Kriegsbeginn, als schlagartig die ganze Stadt geräumt wurde, drei Jahre alt, hat selbst auch Erinnerungen unauslöschlich gespeichert. Den Abtransport mit Bussen. Die weinenden, verzweifelten Erwachsenen.

Die Massenübernachtungen in Kuhställen, auf Stroh, wo sich - es war September und warm - die Schnaken über uns alle hermachten. So ist mir das pfälzischem Galgenhumor zu verdankende "Gedicht" in Erinnerung geblieben, wohl entstanden in der ersten Stall-Nacht im pfälzischen Alsenborn, wo wir alle von Kopf bis Fuß mit juckenden Schnakenstichen übersät waren. "Alseborn, du Schnookeborn, dich erschuf unser Herrgott im Jähzorn" haben da die Pirmasenser gesagt.