| 00:00 Uhr

„Alle müssen an einem Strang ziehen“

Mohamed Maiga im Gespräch mit der SZ. Foto: Iris Maurer
Mohamed Maiga im Gespräch mit der SZ. Foto: Iris Maurer FOTO: Iris Maurer
Saarbrücken. Von 2004 bis Februar 2015 war Ikbal Berber Präsidentin des Vereins Ramesch. Die stellvertretende Präsidentin Ursula Kimoto bedankte sich bei der Jahreshauptversammlung Mitte Februar für ihre engagierte Arbeit über einen so langen Zeitraum: „Ohne den ganz persönlichen Einsatz von Ikbal Berber wäre vieles nicht möglich gewesen.“ SZ-Redakteurin Dörte Grabbert hat mit Ikbal Berber über ihre Arbeit als Präsidentin von Ramesch gesprochen. Hélène Maillasson

Der neue Präsident des Vereins Ramesch ist kein Unbekannter. Als Geschäftsführer des saarländischen Integrationsrats, im Integrationsbeirat der Landeshauptstadt, in der Härtefallkommission und bei Ramesch - seit Jahren vertritt Mohamed Maiga aus Mali die Interessen von Migranten im Saarland. Er hilft bei schwierigen Situationen und ist Vermittler zwischen Menschen und Behörden.

Oft bereitet ihm ein Fall arge Sorgen - aktuell das Schicksal eines 18-jährigen Somaliers, der nach Italien abgeschoben werden soll, obwohl er dort keine Verankerung hat und im Saarland bestens integriert ist. "Der Junge war in der Schule sehr fleißig, hat in kurzer Zeit seinen Abschluss gemacht. Mehrere Firmen wollen ihm eine Lehrstelle anbieten", erzählt Maiga. Wie die Geschichte ausgeht, ist ungewiss, aber für ihn "ist es erst vorbei, wenn es vorbei ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt".

Die Aufnahme von Flüchtlingen ist weiterhin ein brisantes politisches Thema. Für Maiga muss sich hier im Saarland auf jeden Fall noch einiges ändern. Es beginnt mit den Lebensmittelpaketen im Aufnahmelager in Lebach. "Man kann doch den Menschen nicht vorschreiben, was sie wann essen müssen. Außerdem hat Lebach nichts davon. Bekämen die Flüchtlinge Geld, würden sie in der Stadt einkaufen. Stattdessen kommen die fertigen Pakete direkt aus Bayern", bedauert er.

Der neue Ramesch-Präsident fordert außerdem ein Umdenken beim öffentlichen Umgang mit Flüchtlingen. "Der Integrationsgipfel , die ‚Willkommenskultur' - all das ist wichtig. Viel wichtiger ist es aber, dass sich alle Menschen gleichermaßen als Teil der Gesellschaft fühlen. Das beginnt mit der Anerkennung von Abschlüssen und Kompetenzen", sagt Maiga. Deshalb sei der Begriff "Willkommenskultur" auch nicht richtig. "Für mich entspricht dieses Wort nicht dem, wonach wir streben müssen. In diesem Begriff schwingt die Idee mit: ‚Wir heißen euch willkommen und tolerieren euch', aber es geht immer um zwei getrennte Gruppen: diejenigen, die ankommen und diejenigen, die sie tolerieren." Viel lieber nutzt er das Wort Anerkennung. Man erkennt den anderen als seinesgleichen an.

Ganz besonders am Herzen liegt ihm der Dialog mit den Behörden. Je intensiver der Austausch, desto mehr steigen die Chancen, jeder Situation gerecht zu werden. Das gilt vor allem für das Bleiberecht . "Bei einzelnen Schicksalen sollte auch die Verhältnismäßigkeit eine Rolle spielen", findet Maiga, der selbst an der Saar-Uni Jura studiert. Denn vieles im Asylrecht sei eben Auslegungs- beziehungsweise Ermessenssache. Auch wenn es manchmal in den Ämtern hakt, haben Flüchtlinge und Asylbewerber im Saarland viele Unterstützer. "Es gibt viele Initiativen von Bürgern, die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen", beschreibt Maiga. "Was bei den Menschen angekommen ist, muss jetzt in der Politik und Verwaltung klappen. Alle müssen an einem Strang ziehen."

Deshalb widmet sich der Verein Ramesch der Frage "Wie sollen wir alle zusammen als Gesellschaft leben?". Das diesjährige Programm aus Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops für Kinder und Erwachsene steht schon fest, doch Maiga behält sich die Möglichkeit vor, ein paar zusätzliche Veranstaltungen zu organisieren - zum Beispiel zum Thema Härtefallkommission. Er möchte den Menschen erklären, wie diese Instanz funktioniert.

Während seiner zweijährigen Amtszeit will Maiga Bewegung in die Integrationspolitik bringen. Er hofft, weitere Behörden und Entscheidungsträger als neue Mitglieder des Vereins zu gewinnen. "Das habe ich von meiner Vorgängerin Ikbal Berber gelernt. Dass man jeden mit ins Boot nehmen soll und nicht nur diejenigen, die persönlich betroffen sind oder sich bereits engagieren."Frau Berber , warum haben Sie nicht mehr als Präsidentin von Ramesch kandidiert?

Ikbal Berber : Ich arbeite jetzt in Berlin für die Beauftragte des Bundes für Migration und Integration, Aydan Özoguz. Dort bin ich für Arbeitsmarktpolitik zuständig. Deshalb habe ich nicht genug Zeit für die Arbeit als Präsidentin von Ramesch. Ich habe die Arbeit aber sehr gerne gemacht.

Fiel der Abschied schwer?

Berber : Es geht mir gut, weil ich weiß, dass der Verein so einen guten Stand im Saarland hat, der geht nicht so schnell weg. Es war eine wunderbare Zeit, und ich hoffe, die Arbeit war nicht umsonst. Und ich höre natürlich nicht komplett auf, nur als Präsidentin stehe ich nicht mehr zur Verfügung.

Was ist das große Ziel vom Verein Ramesch - Forum für interkulturelle Begegnung?

Berber : Es geht uns nicht um Ausländer und Migranten, es geht um die Gesamtgesellschaft mit allen Herausforderungen und allen Bestandteilen und darum, wie wir miteinander leben wollen. Eine Gesellschaft kommt nur gemeinsam voran. Es geht uns also nicht nur um eine bestimmte Gruppe, sondern um alle. Es gibt ein arabisches Sprichwort, das gut passt. "Es soll der Gemeinschaft gut gehen, damit es auch mir gut geht." So habe ich unsere Arbeit immer gesehen.

Was haben Sie erreicht?

Berber : Wir haben auf Themen und Situationen aufmerksam gemacht und sie in die Diskussion gebracht. Wir haben Themen in den Mittelpunkt gerückt, an die vorher niemand gedacht hat, etwa den Religionsunterricht oder Islamunterricht in der Schule. Aber der Erfolg hat viele Väter und Mütter. Ich bin nur eine davon.



Zum Thema:

Auf einen BlickAuf der Jahreshauptversammlung Mitte Februar wählten die Mitglieder des Vereins "Ramesch - Forum für interkulturelle Begegnung" Mohamed Maiga zum neuen Vorsitzenden. Maiga gehört dem Vorstand seit sechs Jahren zunächst als Beisitzer, dann als Schatzmeister an. Wiedergewählt wurden auch Ursula Kimoto als stellvertretende Präsidentin, Ulrike Heck als Schriftführerin, Hans Kuhn und Agatha Lallemand als Beisitzer. Neue Schatzmeisterin wurde Ennur Arbal, die dem Vorstand auch schon in der vergangenen Amtszeit angehört hatte. Aus dem Vorstand ausgeschieden ist Klaus Backes.Das Jahresthema 2015 des Vereins ist "Flucht". Auftakt ist am 30. April, 19 Uhr, mit einem Vortrag und einer Diskussionsrunde im saarländischen Landtag.dögramesch.de