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Albert Wachsmann, Saarbrücker Opfer der Reichspogromnacht, spricht bei Gedenkfeier in der Synagoge

Am 9. November 1938 zündeten Nazis die Saarbrücker Synagoge an der Ecke Kaiserstraße/Futterstraße an. Foto: Landesarchiv
Am 9. November 1938 zündeten Nazis die Saarbrücker Synagoge an der Ecke Kaiserstraße/Futterstraße an. Foto: Landesarchiv FOTO: Landesarchiv
Saarbrücken/Bradford. Albert Wachsmann erlebte im November 1938 mit, wie die Nazis die Saarbrücker Synagoge und sein Elternhaus zerstörten. Allein flüchtete er nach England, wo er seitdem lebt. An diesem Sonntag berichtet der 89-Jährige in der neuen Synagoge in Saarbrücken über den NS-Terror. Jennifer Back

Der 9. November 1938 war ein Mittwoch. Kaum einer ahnte an jenem Mittwochmorgen, was in der Nacht noch Schreckliches passieren würde, dass die von den Nazis hämisch als Reichskristallnacht bezeichneten Stunden eine Eskalation der Gewalt gegen Juden im Dritten Reich markieren würden. Die Nacht, in der auf Anordnung Adolf Hitlers deutschlandweit Synagogen niedergebrannt, zerstört und unzählige Menschen jüdischen Glaubens ermordet, geschlagen und inhaftiert wurden. Auch der 14-jährige Albert Wachsmann ahnte davon nichts. Mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder wohnte er neben der Synagoge in der Saarbrücker Futterstraße. Er sollte nach dieser Nacht nie wieder in sein Elternhaus zurückkehren.

Am Sonntag gedenkt die jüdische Gemeinde Saarbrückens der Opfer der Reichspogromnacht in einer Feier. Albert Wachsmann wird um 17 Uhr in der Synagoge von seiner bewegenden Geschichte erzählen. Darüber, wie er in der Nacht zum 10. November einen Knall hörte und wie mehrere Männer der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) das Haus neben der Synagoge stürmten. Wie sie das Geschirr aus den Schränken auf den Boden schmetterten, Matratzen zerschnitten und aus dem Fenster warfen, das Zuhause einer Familie zerstörten, die sich gerade noch rechtzeitig auf dem Speicher versteckt hatte.

"Mein Vater war zu dem Zeitpunkt nicht daheim - Gott sei Dank, sonst hätten ihn die Nazis festgenommen", erzählt Wachsmann, der in diesem Monat 90 Jahre alt wird. Später in der Nacht sei die Familie bei Freunden in der Mainzer Straße untergekommen. "Der Vater des Hauses war zu dem Zeitpunkt schon in Haft", erinnert sich Wachsmann.

Die Reichspogromnacht bezeichnet Wachsmann als eine Erfahrung, die er noch als Kind wahrgenommen habe. "Aber ich habe nicht gelitten", so der 89-Jährige. Er weiß um seine gedemütigten und ermordeten Glaubensbrüder, die zu Opfern der gezielten Judenverfolgung wurden. Und er weiß um sein Glück, im März 1939 in einem Kindertransport nach England flüchten zu können. Dank des Angebotes der damaligen britischen Regierung, über 10 000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei ins britische Exil zu holen.

Es ging nach Bradford in der Grafschaft Yorkshire, wo er mit 23 anderen Jungen zwischen fünf und 17 Jahren und der Herbergstochter in einem Hostel unter dem Namen Albert Waxman ein neues Zuhause fand. Ein jüdischer Flüchtling leitete das Hostel zusammen mit seiner Frau. "Dort durften wir als ganz normale Jungs aufwachsen, und nicht von anderen beherrscht." Viele glückliche Momente erlebte Wachsmann dort in Sicherheit - jedoch ohne seine Familie. Seine beiden älteren Brüder waren bereits vor seiner Flucht nach Palästina ausgewandert, seine Eltern und der neunjährige Bruder Philipp danach nach Paris geflüchtet.

Trotzdem sagt Wachsmann: "Ich hatte ein Riesenglück."
Rückkehr ins Saarland


Denn die meisten der nach England geflüchteten Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Weil sie während des Krieges starben - meist in Konzentrationslagern. "Ich war der Einzige im Hostel, der seine Eltern nach dem Krieg wiederfand", sagt Wachsmann. Mit seiner Familie, die vor dem Krieg ein Stoffgeschäft in Saarbrücken betrieben hatte, kehrte er 1945 ins Saarland zurück.

Doch es hielt ihn nur zwei Jahre in der Heimat. Bis er wieder nach England zog, wo er bei seinem Schwiegervater in dessen großer Wollfabrik arbeitete.

Zuletzt in Saarbrücken war der 89-Jährige vor etwa zehn Jahren zur Beerdigung seines ältesten Bruders. Ein beklemmendes Gefühl hat er bei seinen Reisen in die alte Heimat nicht, selbst wenn die Erinnerungen an die schicksalshafte Nacht des 9. Novembers 1938 nie verschwinden werden: "Aber es sind eben nur Erinnerungen. Ich habe mich mit ihnen abgefunden."