Abi auf Umwegen

Das Lernen als Erwachsener neben Job und Familie setzt gute Organisation und viel Durchhaltevermögen voraus. Bisher haben über 1800 Schüler am Abendgymnasium Saarbrücken ihr Abitur bestanden.

In den 50er Jahren drückten die Abendschüler noch mit Krawatte und feiner Bluse die Schulbank. Foto: Abendgymnasium Foto: Abendgymnasium

Das stramme Tagesprogramm von Teresa Rummler will perfekt organisiert werden. Die 26-Jährige verlässt morgens ihre Wohnung in Saarbrücken und geht zur Arbeit. Sie jobbt in der Gastronomie. Ist dort ihre Schicht zu Ende, hat sie noch lange keinen Feierabend. Um 17.15 Uhr beginnt ihr Unterricht am Abendgymnasium in Saarbrücken . Dort hat sich Rummler in den vergangenen vier Jahren auf ihr Abitur vorbereitet - an vier Abenden pro Woche bis 21.35 Uhr. Es müssen noch Hausaufgaben gemacht und für Kursarbeiten gelernt werden. Ein langer Tag. "Ich habe das Glück, dass ich Schüler-BAföG bekomme und so nicht Vollzeit arbeiten muss", sagt die 26-Jährige.

Das Pensum für Mitschülerinnen mit Acht-Stunden-Schichten, die sich dazu um ihre Kinder kümmern müssen, sei um einiges härter. Nach ihrer Mittleren Reife hat Rummler mehrere Jahre ihre Mutter gepflegt, die plötzlich einen Hirnschlag erlitten hat. Dadurch trat ihre berufliche Zukunft in den Hintergrund. "Ich muss noch was erreichen, dafür ist das Abitur wichtig", dachte sie sich mit 22 und meldete sich am Abendgymnasium an.

Viele nehmen dafür eine weite Anfahrt in Kauf, erzählt Wolfgang Rekrut, ständiger Vertreter von Schulleiter Bernd Bauer. Seit 1997 ist das Saarbrücker Abendgymnasium das einzige im Saarland. Auch aus Frankreich, Luxemburg und Rheinland-Pfalz kommen die Schüler .

Die Abbrecherquote ist hoch. Von den 80 Personen, die mit Teresa Rummler vor vier Jahren den Vorkurs begonnen haben, sind zehn zur Abiturprüfung angetreten - insgesamt zählt der Abi-Jahrgang 21 Schüler , einige konnten aufgrund ihrer Vorkenntnisse in höheren Klassen einsteigen. "Es braucht ein starkes Durchhaltevermögen", sagt Rekrut, der Biologie und Chemie unterrichtet. "Hauptpunkt ist das regelmäßige Kommen zum Unterricht ." Andere unterschätzten zu Beginn den Aufwand oder stellten fest, dass der Unterricht für sie zu schwierig sei. Die meisten Schüler seien zwischen Mitte 20 und Mitte 50. Die bislang älteste Abiturientin war 62. "Zur Abifeier kamen damals die Enkel mit", erinnert sich Rekrut schmunzelnd. Bisher haben 1844 Schüler das Abitur bestanden. Viele erhoffen sich durch den Abschluss bessere berufliche Chancen, andere erfüllten sich dadurch einen Kindheitstraum. Die Abendgymnasiasten legen die gleichen Prüfungen ab wie an den Tagesschulen. Kostete bei der Eröffnung 1955 der Schulbesuch 4000 Franken im Jahr, ist er seit 1959 kostenlos.

Anlässlich des 60. Jubiläums lädt die Schule am 18. Juli zu einer Feier ein. Das Kollegium hofft dabei, dass viele Ehemalige den Weg zurück an den Landwehrplatz finden werden.

13 Pädagogen unterrichten derzeit am Abendgymnasium. "Hier kennt jeder jeden, viele Schüler kommen auch mit ihren privaten Sorgen zu uns. Manchmal ist man auch ein Vaterersatz", sagt der Lehrer . Jüngere Schüler würden in der Regel von ihren Eltern unterstützt, viele erwachsene Schüler hätten diesen Rückhalt nicht mehr. Die sozialen Probleme seiner Schüler haben Rekrut manch schlaflose Nacht beschert. Etwa wenn Schüler abbrechen mussten, um sich um ihre kranken Eltern zu kümmern oder wenn das Geld nicht reichte. Es komme vor, dass allein erziehende Mütter ihrer Kinder mit zum Unterricht brächten, wenn der Babysitter kurzfristig abgesagt hat. Wolfgang Rekrut ist Lehrer aus Überzeugung. Auch nach 41 Jahren sagt er: "Es war mein Traumberuf, auch heute sage ich noch, ich würde wieder Lehrer werden." Ende des Schuljahres ist für den 65-Jährigen Schluss, doch hält er rege den Kontakt zu Ehemaligen. Für Teresa Rummler beginnt nach dem Abitur die nächste Phase: Sie will Psychologie studieren.

Ehemalige, die an der Feier am 18.7. teilnehmen wollen, werden gebeten, sich bis spätestens 6. Juli anzumelden. Per Mail unter abendgymnasium.saarbruecken@gmail.com oder per Tel. (06 81) 37 98 118.