Abgebrannt an der Massagebank

Dehnen, kräftigen, lindern: Physiotherapien gelten als anerkanntes Heilmittel und werden tagtäglich von Ärzten verschrieben. Doch die Honorare, die die Kassen für die Leistungen zahlen, lassen die Therapeuten ächzen.

Wenn seine Patienten von der Massagebank steigen, sind ihre Schmerzen meist gelindert. Rücken, Nacken und Schultern sind entspannt. Nur von Michael Alles weicht die Anspannung nicht. Er drückt seinen Patienten am Ende der Behandlung ein Flugblatt in die Hand. Darauf steht: "Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen. (…) Doch die zuverlässige und umfassende Versorgung durch Ihre Physiotherapeutenpraxis ist in Gefahr! (…) Wenn sich die schlechte Einkommenssituation nicht ändert, können gesetzlich versicherte Patienten bald nicht mehr ausreichend behandelt werden." Das Schreiben des Deutschen Verbands für Physiotherapeuten (ZVK) wirbt für Unterschriften, um ein "Umdenken in der Politik" zu erreichen. 35 000 sind bereits zusammengekommen.

Michael Alles betreibt seit 14 Jahren freiberuflich eine Physiotherapeutenpraxis in Freisen . Für seine Ausbildung hat er rund 15 000 Euro aus eigener Tasche gezahlt. Eine kostenlose Ausbildung gibt es im Saarland nur an drei Klinik-Standorten. Pro Jahr stehen dort insgesamt 69 Plätze zur Verfügung - für die es im Schnitt gut vier Mal so viele Bewerber gibt.

Um sich auf dem Laufenden zu halten, hat Michael Alles bereits rund 20 Fortbildungen absolviert. Kostenpunkt: etwa 17 000 Euro. Ebenfalls selbst finanziert. Für eine 20-minütige Krankengymnastik in seiner Praxis zahlen ihm die gesetzlichen Krankenkassen rund 15 Euro. Nach Abzug von Personalkosten, Miete, Versicherung und Energiekosten "bleibt mir weniger als die Hälfte", sagt er. Schlimmer sei aber noch: Für eine Lymph-Drainage, für die er eine kostspielige Fortbildung absolvieren musste, zahlen ihm die Kassen weniger als für eine Krankengymnastik . "Das heißt, wir werden nach den Fortbildungen oder Zusatzqualifikationen noch schlechter bezahlt. In welchem Beruf ist das noch der Fall?", fragt Alles. Er arbeitet elf bis zwölf Stunden am Tag.

Der ZVK fordert für die Angestellten in den freien Physiotherapeuten-Praxen eine Honorarerhöhung um 38,7 Prozent. Das hört sich stolz an. Allerdings: So viel mehr verdienen angestellte Physiotherapeuten im öffentlichen Dienst (etwa in Krankenhäusern). Bei freien Physiotherapie-Praxen lag nach ZVK-Angaben der durchschnittliche Jahresgewinn 2012 bei 64 000 Euro - genauso viel wie schon sieben Jahre zuvor. Den dort Angestellten könnten so meist nur geringe Gehälter bezahlt werden. Gestiegen sei dort bislang nur die Arbeitszeit. Beides befördere einen bereits spürbaren Fachkräftemangel. Der Job gelte nicht mehr als attraktiv. Entsprechend sei die Zahl der Auszubildenden in den vergangenen sieben Jahren deutschlandweit um über zehn Prozent zurückgegangen, obwohl Ärzte immer öfter Physiotherapien verschrieben. Joachim Meiser, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung im Saarland , unterstützt denn auch die Forderungen nach höheren Vergütungen in physiotherapeutischen Praxen. Denn diese seien "eine wichtige Versorgungssäule im ambulanten Bereich".

Deutliche Honorarzuwächse zu erreichen, scheint jedoch fast unmöglich. Denn die gesetzlichen Krankenkassen verweisen auf verbindliche Regelungen im Sozialgesetzbuch, wonach sich die Vergütungen lediglich analog zu der Einnahmenentwicklung aus den Krankenkassen-Beiträgen erhöhen dürfen (§ 71 Abs. 3 SGB V). "Diese gesetzlichen Vorgaben sind für die Krankenkassen nicht disponibel", teilt so etwa die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland mit. Vergütungszuwächse, die diese gesetzlichen Vorgaben überschreiten, sind nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums nur dann zulässig, "wenn beispielsweise die notwendige medizinische Versorgung anders nicht zu gewährleisten ist". Davon kann nach Auffassung der Kassen jedoch keine Rede sein. Sie werfen vielmehr die Frage auf, ob es nicht eine Überversorgung an physiotherapeutischen Praxen gibt. Nach Angaben des Bundesverbands der Ersatzkassen (Vdek) ist die Zahl der Praxen deutschlandweit von 31 100 (im Saarland 430) im Jahr 2005 auf aktuell 40 700 (im Saarland 560) gestiegen. "Es spricht einiges dafür, dass die Praxen nicht in jedem Fall bedarfsgerecht in den Regionen verteilt sind und bei einem Überhang an Praxen das Angebot sich seine Nachfrage sucht, es also zu regionalen Überversorgungen kommt", so eine Vdek-Sprecherin.

Um die offenbar verhärteten Fronten aufzuweichen, schlägt Saar-Gesundheitsminister Andreas Storm (CDU ) vor, dass Physiotherapeuten-Verbände und Kassen gemeinsam eine unabhängige Expertise in Auftrag geben, die die notwendige Zahl von Praxen und eine angemessene Vergütung ermitteln soll. Der Vdek hat diesen Vorschlag gegenüber der SZ bereits "ausdrücklich begrüßt". Ob es dazu kommt oder nicht: Vom Freisener Physiotherapeuten Michael Alles und seinen zahlreichen Berufskollegen wird die (finanzielle) Anspannung vorerst kaum weichen.

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