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Patchwork-Kunst fürs Gemeinwohl
„Saarbrücken ist gut in Bewegung zu bringen“

Saarbrücken. Das Kunstprojekt „Patchwork in der City – Ein Teppich der Vielfalt“ ist auf der Zielgeraden. Gut 400 Frauen und Männer dabei. Von Anja Kernig

Hadi Ajaj verpasst Ei Nr. 14 mit schwarzem Filzstift ein mürrisches Gesicht. Der 22-jährige Syrer arbeitet konzentriert, während Martha Bick und Lieselotte Werner neben ihm gerade ganz aus dem Häuschen geraten: „Das gibt’s doch nicht, die haben zwei Äugelchen und eine kleine rote Zunge“, begeistern sich die beiden Damen, die gemeinsam 184 Jahre Lebenserfahrung mitbringen, für die bereits aufklebefertigen knallgrünen Frösche aus Kronkorken.


Zusammen mit Papierbooten, Bäumen und einer halben Weltkugel aus Pappmaché werden die Eier und die Frösche auf einem 1 mal 1 Meter großen Kunstwerk fixiert. Eines von vielen, die an diesem Nachmittag im obersten Stockwerk des SOS-Kinderdorf-Gebäudes im Nauwieser Viertel entstehen – oder  bereits anderswo in der Landeshauptstadt entstanden sind.

„Das ist der Endspurt des Projektes“, sagt Annette Orlinski. Die Saarbrücker Künstlerin konnte seit Mitte April rund 400 Frauen und Männern „aller Altersgruppen und aus allen Lebenslagen“ – vom Obdachlosen bis hin zum Hospizpatienten - für diese Kunstaktion begeistern. Sie alle fertigten ganz unterschiedlich geartete Puzzlestücke für einen überdimensionalen Patchwork-„Teppich“ an. Das Projekt ist Teil der Aktion „Patchwork City“, mit der die Landeshauptstadt für Vielfalt und Toleranz wirbt.



„Allein die Wärmestube hat zehn Meter Teppich beigetragen“, freut sich Orlinksi. 30 Organisationen sind inzwischen schon involviert, „das hat eine unheimliche Eigendynamik angenommen“. Zusammengefügt, sollen die Puzzleteile die Vielfalt der Stadt Saarbrücken symbolisieren.

„Mir war wichtig, so viele Menschen in diesem interaktiven Projekt zusammenzubringen wie nur möglich“, betont die diplomierte Kommunikationsdesignerin. Jenseits des künstlerischen Aspekts geht es um offenes Kommunizieren zwischen Kulturen, Religionen und Generationen, das im besten Fall eine Fortsetzung über das Projekt hinaus findet.

Daneben fokussiert die Aktion den Wiederverwertungs-Gedanken: „Die Gruppen sollen möglichst ausschließlich recycelte Materialien verwenden“, erklärt Annette Orlinski, die aus Oberschlesien stammt: „Es muss nicht immer viel kosten. Bei uns daheim hat man sowieso immer etwas aus etwas gemacht.“

Womit sie im SOS-Kinderdorf offene Türen einrannte: „Das Thema Nachhaltigkeit ist für unsere Jugendlichen noch ein Stück wichtiger als für uns Ältere“, sie müssten schließlich in der Welt der Zukunft leben, ergänzt Helga Kugler. Sie ist verantwortlich für die Maßnahme zur Berufsorientierung, deren Teilnehmer gerade hochkonzentriert mit der Heißklebepistole und Leimflaschen hantieren.

Soraya (20) klebt Kronkorken auf ihre Leinwand, Yves (21) in Zeitungspapier verpackte Mini-Kartons, Fabian (17) kleine Scherenschnitte und David (22) Servietten.

Noch etwas konsequenter hat die Ü80-Gruppe „Nauwieser Treff“ den Nachhaltigkeitsgedanken umgesetzt, in dem sie ausgeleerte, gewaschene Kaffeefilter in ihren Teppich integrierte.

Der größte Teil des Kunstwerks besteht jedoch aus Hunderten Papierschnipseln, die jeder einzeln aufgeklebt werden müssen – eine Sisyphusarbeit, die sie in trauter Eintracht mit den Jugendlichen angehen.

„Das Tolle an diesem Projekt ist, dass es generationsübergreifend ist“, äußert die Sprecherin der Initiative Nauwieser Viertel, Lieselotte Hartmann, während sie weiter geduldig Leim aufstreicht und Fetzchen für Fetzchen andrückt.

Obwohl die Aktion erst am 8. Juni endet (siehe Infobox), kann Annette Orlinski schon ein erstes positives Fazit abgeben: „Saarbrücken ist gut in Bewegung zu bringen. Wenn man den richtigen Knopf drückt.“