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Saarbrücken: Frauenbündnis will Wikipedia weiblicher machen - HerStory

Einseitiges Online-Lexikon : Wikipedia soll weiblicher werden

Bisher ist das Online-Lexikon sehr männerlastig. Das will ein saarländisches Frauenbündnis ändern. Wir wollten mehr wissen.

„Who writes HERstory?“, wer schreibt eigentlich „ihre“ Geschichte? Diese Frage stellt ein saarländisches Aktionsbündnis. Und beantwortet sie auch gleich mit „Natürlich wir!“ In einem Online-Workshop, der am Samstag in Saarbrücken stattfindet, erfahren Interessierte das Wie. Dabei geht es um Wikipedia, das weltweit wichtigste Online-Lexikon. Das Aktionsbündnis arbeitet daran, dass Wikipedia weiblicher wird. Denn derzeit sind über 80 Prozent der dort porträtierten Personen Männer. Frauen tauchen zu häufig noch nur „Als Ehefrau von“ oder „Tochter von“ auf. Zudem schreiben viel mehr Männer als Frauen für das Lexikon. Diese einseitige Form der Geschichtsschreibung soll sich ändern. Initiatorin des Bündnisses ist Julia Pierzina. Wir haben sie gefragt, was das Ziel von „HerStory“ ist.

Geschichte, wie wir sie kennen, wurde von Männern geschrieben. Die Frauensicht aus der Vergangenheit gibt es kaum. Aber die Geschichte der Zukunft könnten die Frauen heute mitschreiben. Trotzdem wird das Internet-Lexikon Wikipedia, das wichtigste Informationsmedium unserer Zeit, zu 80 Prozent von Männern bestückt. Woran liegt es, dass Frauen sich hier so wenig beteiligen?

Julia Pierzina: Zunächst ist zu bedenken, dass diese Zahl möglicherweise nicht die Realität abbildet, da die Voreinstellung beim Anlegen eines Wikipedia-Accounts „männlich“ ist, was auf den ersten Blick nicht ersichtlich wird. Daher ist davon auszugehen, dass viele Autorinnen fälschlicherweise als männlich angezeigt werden und die Statistik dadurch verzerrt wird.

Aber es sind in jedem Fall weniger Frauen, die schreiben?

Julia Pierzina: Ja, es gibt deutlich mehr männliche Autoren als weibliche Autorinnen. Da das Schreiben in der weltweit größten Online-Enzyklopädie eine ehrenamtliche Tätigkeit ist, kann davon ausgegangen werden, dass viele Frauen neben Erwerbs- und Familienarbeit zu wenig Zeit haben, um hier als Autorin aktiv zu werden. Denn wie bekannt ist, kümmern sich Frauen zu einem größeren zeitlichen Anteil um die private Care-Arbeit, also Familie und Haushalt, als Männer das tun.

Denken Sie, dass der Zeitfaktor der einzige Grund ist?

 Julia Pierzina ist Initiatorin der Aktion.
Julia Pierzina ist Initiatorin der Aktion. Foto: Katharina Koch

Julia Pierzina: Meiner Einschätzung nach greift auch der geschlechterbezogene Sozialisierungseffekt, der Frauen eine verstärkte Zurückhaltung und Bescheidenheit antrainiert. Dadurch tragen Frauen sich, ihr Wissen und ihre Leistungen weniger selbstbewusst nach außen.

Welche Auswirkungen hat es, dass Wikipedia überwiegend männlich ist?

Julia Pierzina: Wenn statistisch gesehen überwiegend männliche – mehrheitlich weiße, gebildete, wohlhabende, hetereosexuelle – Personen schreiben, haben sie einen isolierten und subjektiven Blick. Diverse Perspektiven werden dann nicht oder weniger dargestellt. Dies verstärkt sich dadurch, dass Männer häufig auch andere Männer zitieren, andere Männer als relevant einstufen und so verstärkt über andere Männer schreiben. Wenn die Welt in ihrer Vielfalt abgebildet werden soll, dann muss auch deren Darstellung von Autoren und Autorinnen mit unterschiedlichen Wahrnehmungshorizonten übernommen werden. Geschlecht ist dabei auch nur eine der Kategorien, die Vielfalt darstellen. 

Sie und Ihre Mitstreiterinnen wollen die Männerlastigkeit ändern. Wie wollen Sie erreichen, dass auch „her Story“ erzählt wird?

Julia Pierzina: Unsere Schreibwerkstatt Edit-a-thon macht Spaß, weil sie ein gemeinschaftliches Event ist – in Pandemie-Zeiten natürlich in digitaler Form. Sie zeigt, wie Einträge in Wikipedia erstellt werden können, unterstützt bei der Recherche durch Materialien der FrauenGenderBibliothek Saar und regt dazu an, dass jede einzelne Person zur Geschichtsschreibung beitragen kann.

Haben Sie einen konkreten Tipp?

Julia Pierzina: Innerhalb von Wikipedia gibt es die Kategorie „Frauen in Rot”. Diese Liste umfasst Namen von Frauen, die bereits in Wikipedia-Artikeln erwähnt wurden, aber noch keinen eigenen Artikel haben. Sie regt an, diese Frauenbiografien zu recherchieren und so die Lücken zu schließen. Langfristig ist es notwendig, dass neben den Biografien von Frauen auch intersektional Biografien verschiedener Personen eingetragen werden.

Der Workshop am Samstag kann ja erst der Anfang sein. Wie könnte es weitergehen?

Julia Pierzina: Entwickelt hat sich die Idee aus einem Vortrag von Theresa Hannig, die beim Barcamp Frauen 2019 (einer Diskussionsplattform, die 2018 erstmals in Saarbrücken stattfand, Anm. d. Red) über die Problematik der einseitigen Geschichtsschreibung in der Enzyklopädie im Bereich der Science Fiction Autorinnen berichtete. Davon ausgehend ist der Workshop am Samstag tatsächlich schon der zweite Schritt. Im letzten Jahr gab es bereits ein ähnliches Webinar. Einige angehende Autoren und Autorinnen nehmen bereits zum zweiten Mal teil und haben in der Zwischenzeit schon Artikel verfasst und/oder editiert.

Und Sie machen weiter?

Julia Pierzina: Wir werden definitiv an dem Thema dran bleiben, regelmäßig entsprechende Workshops realisieren und so eine saarländische Community aufbauen, die sich die Verkleinerung der geschlechterbezogenen Datenlücke (Gender Data Gap) in Wikipedia zur Aufgabe macht. Überregional und international gibt es solche Bündnisse von Wikipedia-Autoren und -Autorinnen bereits. Auch eine Vernetzung mit diesen ist in Zeiten der Digitalisierung sinnvoll und leichter denn je.

Die Universitäten haben Sie auch im Fokus?

Julia Pierzina: Zusätzlich denkbar ist auch eine Zusammenarbeit mit Lehrpersonen der Hochschulen. So könnten diese die Relevanz und Funktionsweise der Wikipedia vermitteln und es könnte beispielsweise zur Regel werden, dass bei Abgabe einer wissenschaftlichen Arbeit die recherchierten Daten parallel auch in das Online-Lexikon eingetragen werden.

Anmeldungen zum Workshop „Who writes HERstory? We do!“ nimmt die FrauenGenderBibliothek unter info@frauengenderbibliotheksaar.de entgegen.