Reportage: Wie Häftlinge im Saarbrücker Gefängnis schuften

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Reportage der Woche : Hand- und Maßarbeit aus dem Saarbrücker Knast

Etwa 300 Gefangene der Vollzugsanstalt Lerchesflur gehen einer geregelten Tätigkeit nach. Ein Blick in die Arbeitswelt hinter Gittern.

Die Männer in den blauen Arbeitsklamotten wirken konzentriert und diszipliniert. Die „schweren Jungs“ hämmern, biegen, feilen und schweißen. Die Auftragslage für die Schlosserei hinter den hohen Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) auf der Saarbrücker „Lerchesflur“ ist gut. Die Nachfrage nach stabilen Schwenkern, dem Inbegriff saarländischer Grillkultur, ist groß. Werkmeister Günter Hoffmann, Betriebsinspektor im Justizvollzugsdienst, und seine neunköpfige Mannschaft, zu der vorwiegend Schwerverbrecher zählen, haben eine Marktlücke entdeckt. „Made by JVA“ ist ihr Gütesiegel, etwa für traditionelle „Dreibeinschwenker“ aus Edelstahl oder Holzkohlegrills. Hand- und Maßarbeit wird aus der Knastwerkstatt, in der ausgebildet wird, auf Bestellung geliefert. Gerade wird ein „Monster-Schwenker “ im XL-Format mit einem Rost von einem Meter Durchmesser fertiggestellt. Drei Meter hoch wird das fast 20 Kilo schwere Exemplar mit Kurbelantrieb für die Kette, das bei einem Verein in der Region in Dienst gestellt werden soll. Etwa 750 Euro wird die Anstalt dafür dem Sponsor, der den Auftrag erteilt hat, in Rechnung stellen. Das gesamte Grill- und Schwenker-Sortiment der Gefängnis-Schlosserei wird mittlerweile sogar in einem eigenen Katalog präsentiert. An Ideen mangelt es nicht. Pascal Jenal, Leiter der Justizvollzugsanstalt, und Gerhard Schirra, Leiter der Arbeits- und Wirtschaftsverwaltung hinter Gittern, erzählen beispielsweise von Bierfässern, die zu Pizzabacköfen umgerüstet werden oder von „Raketenöfen“.

580 Männer sind derzeit in dem Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert. Etwa 300 davon gehen im eintönigen Haftalltag einer geregelten Beschäftigung nach. Im Knast-Jargon heißt das „Ausrücken zur Arbeit“. Schichtbeginn in den Werkstätten ist um 6.40 Uhr. Um 14.40 Uhr ist Feierabend, freitags bereits um zwölf Uhr. „Ausgespeist“ wird in Arbeitsplatznähe, was schlicht bedeutet, dass das Mittagessen in einem Aufenthaltsraum verteilt wird. Die Sollarbeitszeit pro Woche liegt bei 35 Stunden und zehn Minuten. Arbeitspflicht für die Gefangenen, ob rechtskräftig verurteilter Mörder oder mutmaßlicher Betrüger in Untersuchungshaft, besteht seit 2013 nicht mehr. Jenal sagt, dass viele der derzeit unbeschäftigten Insassen nicht arbeiten wollen, anderen wiederum keine Beschäftigung angeboten werden kann. Ein möglicher Grund dafür: Gerichte haben angeordnet, dass bestimmte Gefangene untereinander keinen Kontakt haben dürfen.

Arbeitslosigkeit ist im Strafvollzug ein großes Thema. 70 bis 80 Interessenten für eine mögliche Beschäftigung, so meint Regierungsamtsrat Schirra, würden sich je nach Angebot sicher melden. Ohne Job sitzen sie fast den ganzen Tag in ihrer Zelle. Häftlinge mit langen Strafen sind, so Jenal und Schirra, in den Betrieben und Einrichtungen der Anstalt als Beschäftigte gerne gesehen, weil sie auf Dauer eingeplant und angelernt werden können. So steht in der Weiterverarbeitung der hauseigenen Druckerei ein „erfahrener“ Mitarbeiter am Tisch. Der ältere Gewaltverbrecher ist zu lebenslanger Haft verurteilt und hat noch eine Zukunft in der JVA vor sich. Der Job bringt ihm einen strukturierten Tagesablauf und gilt als ein Baustein für eine angestrebte Resozialisierung. So sieht es das Strafvollzugsgesetz vor.

Eine Offsetdruckmaschine ist das Herzstück der Druckerei und Buchbinderei hinter Gittern. Hier arbeiten acht der 580 Gefangenen. Foto: Ruppenthal

Die Druckerei mit angegliederter Buchbinderei in einer blitzblanken Werkhalle gilt als Musterbetrieb der JVA. „Hier wird Qualität geliefert“, sagt Schirra. Acht Gefangene gehören zur Stammbelegschaft von Martin Hewer, Druckermeister mit Zusatzqualifikation für den Dienst im Vollzug. Bei Großaufträgen wird zusätzlich Personal aus anderen Betrieben ausgeliehen. Herzstück ist eine „Heidelberg Speedmaster“ Offsetdruckmaschine, die ab einer Auflage von 1000 Exemplaren gestartet wird. Zu den Kunden der Knastdrucker zählen unter anderem Behörden und Vereine. So drucken die Häftlinge unter anderem die Visitenkarten von den Richtern, Staatsanwälten und Polizeibeamten, die sie möglicherweise in die JVA geschickt haben. Auch der farbige Grill- und Schwenker-Katalog der Schlosserei wurde hier produziert, ebenso ein Katalog für Jäger, den potentiellen Kunden der Gefängnis-Schreinerei. Die liefert für 670 Euro einen offenen Hochsitz aus Vollholz oder einen zusammenklappbaren Leitersitz aus Fichte für 190 Euro. Solche Exemplare sind auch im angrenzenden Frankreich gefragt. Nur am Rande sei notiert, dass einige Richtertische in saarländischen Gerichten ebenfalls aus der Knast-Schreinerei stammen. Die öffentliche Hand zählt zu den Stammkunden. Privatleute mit Einzel- oder Sonderanfertigungen sind zudem gerne gesehen.

Pascal Jenal, Leiter des Hochsicherheitsgefängnisses auf der Saarbrücker Lerchesflur. Foto: Ruppenthal

„Wir sind ein wichtiger Beschäftigungsstandort und Wirtschaftspartner. Mit uns können Sie planen“, wirbt Anstaltschef Jenal in einem bunten Hausprospekt für die Betriebe und Werkstätten, darunter eine moderne Kfz-Werkstatt, im geschlossenen Vollzug. In den JVA-Eigenbetrieben (Schreinerei, Druckerei, Schlosserei, Elektrowerkstatt, Bauamt und Bäckerei) werden 35 Männer eingesetzt, 65 erledigen Hilfsarbeiten im Hausdienst, auf den Stationen oder als Reinigungskräfte. 44 Häftlinge arbeiten in Küche, Metzgerei, Wäscherei, Heizungswartung und Wäschekammer. Der weitaus größte Teil der Inhaftierten wird allerdings in so genannten Unternehmer- oder Fremdbetrieben beschäftigt. Firmen aus der Metall-, Kunststoff- oder Gummiindustrie sind die Auftraggeber für einfachste Tätigkeiten. Die Anstalt stellt Personal und Arbeitsplätze. Je nach Auftragslage sind es 150 Männer, die unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen etwa angelieferte Schrauben sortieren, kontrollieren oder verpacken. An anderen Stationen werden Isoliersteine und Styroporteile geschliffen oder im Akkord Teile von Kofferschlössern und Helmen montiert. Im Knast wird auch mit Plastikblumen und künstlichem Efeu gearbeitet. Mit viel Geschick und Fingerspitzengefühl werden die späteren Präsente von Gefangenen in Klarsichtfolie für den Verkauf verpackt.

Der gesetzliche Mindestlohn ist hinter Gittern kein Thema. Die Inhaftierten erhalten – je nach Einsatzbereich – Zeit- oder Leistungslohn. Im Durchschnitt sind dies derzeit 13,46 Euro pro Tag (!). Das Geld wird dem Hauskonto des Gefangenen gutgeschrieben, davon können – falls keine Pfändungen vorliegen – persönliche Einkäufe wie Tabak, Kaffee und bestimmte Lebensmittel bezahlt werden, oder aber Rücklagen für die Wiedereingliederung in der Freiheit angespart werden. Beiträge für Kranken- oder Rentenversicherung fallen hinter Gittern nicht an. Die Anstalt als Arbeitgeber muss nur für jeden Beschäftigten einen Beitrag für die Arbeitslosenversicherung zahlen. Gesetzlich geregelt ist der Urlaubsanspruch der beschäftigten Gefangenen: „Haben die Gefangenen ein halbes Jahr lang gearbeitet, so können sie beanspruchen, zehn Arbeitstage von der Arbeit freigestellt zu werden“, heißt es im saarländischen Strafvollzugsgesetz (SLStVollzG).

Einer der Gefangenen, die in der Schlosserei an einem Grill-Rost feilen, meint dazu, auf den Urlaub hinter Gittern könne er verzichten. Er sagt: „Wenn du hier schuftest, vergeht die Zeit schneller. Du siehst, was du gemacht hast und hat auch noch ein paar Euro davon.“ Mit dem kargen Lohn ist er natürlich nicht einverstanden. In den Feierabend auf ihren Zellen dürfen die schweren Jungs übrigens erst dann, wenn sämtliche Werkzeuge wieder dort sind, wo sie zu Schichtbeginn waren.

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