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Porträt des Saxophonisten Hartmut Oßwald

Musikerinnen und Musiker in der Region : „Im Kern bin ich sowohl Handwerker auch als Musiker“

Hartmut Oßwald kam über viele Umwege zur Musik, hat bei seinem Opa Bauschlosser gelernt und ist heute ein Rückgrat der freien Jazz-Szene.

Saxofonist Hartmut Oßwald ist vielen saarländischen Jazz-Liebhabern vor allem als Sideman von Christof Thewes geläufig. „Den Eindruck haben viele“, sagt er selbst. Dabei hat er durchaus auch eigene Projekte zu bieten wie etwa das Dada-Performance-Kollektiv Quatre Marteaux mit Élodie Brochier, Daniel Prätzlich, Geoffroy Muller und Pascal Zimmer. Oder das freie Improvisationstrio Autochthon mit Stefan Scheib und Wolfgang Schliemann.

Es stört ihn aber auch nicht weiter, wenn er als Thewes’ rechter Arm gilt. „Christof hat seine Mitmusiker immer im Ohr, wenn er etwas komponiert. Er schreibt hervorragende Musik, die er einem zur Verfügung stellt, um sie mit Leben zu füllen. Ich selbst war nie ein großer Komponist. Da gehört weit aus mehr dazu, als ab und an ein Lied zu schreiben“.

Geboren wird Oßwald 1964 in Rosenheim, obwohl die Eltern aus dem Saarland stammen. Schon mit anderthalb Jahren kommt er nach Völklingen, wohnt dann später in Püttlingen und in einem Internat in Lebach. Mit 19 Jahren zieht er nach Saarbrücken – seitdem seine Heimatstadt.

Mit dem Musikmachen dauert es bei dem jungen Hartmut lange, bis er da Feuer fängt. Mit zwölf probiert er es mal an der Gitarre, weil er Jimi Hendrix verehrt. Der kurzfristige Unterricht bei einem klassischen Gitarrenlehrer macht diese Ansätze aber wieder zunichte. Oßwald absolviert die Mittlere Reife und geht bei seinem Großvater in die Lehre als Bauschlosser.

Heute ist er darüber froh und dankbar: „Das war die Basis für vieles! Im Kern bin ich Handwerker, auch als Musiker. Das war auch lange ein berufliches Standbein, ich habe jahrelang in einer Autowerkstatt, in der Schlosserei und auf dem Bau gearbeitet.“

Dennoch holt er das Abitur nach, das Berufsziel ist jetzt ein Diplom als Geograph. Während des Zivildienstes lernt er allerdings seinen Freund, den Senegalesen, Musiker und Germanisten Amady Kone kennen. Der hat im Keller seiner Dienstelle, einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche, einen Proberaum eingerichtet.

Die beiden hören nächtelang Platten wie „Bitches Brew“ von Miles Davis oder Aufnahmen von Sun Ra, Fela Kuti und Art Ensemble of Chicago. Vorher ist Oßwald eher Rock-orientiert: Led Zeppelin, Cream, Yes oder Jethro Tull gehören zu seinen Lieblingsbands. Kone öffnet ihm ein Fenster in die Welt des Jazz’. Fast noch wichtiger: Jetzt traut er sich noch mal, Instrumente anzufassen. Anfangs sind das die Trommeln.

Kurz darauf folgt ein weiteres wichtiges Ereignis: Bei einem Langlauf-Skiurlaub mit Freunden hat einer der Mitreisenden ein Saxofon dabei, auf dem er gerade angefangen hat zu spielen. Oßwald ist fasziniert davon, bemerkt, dass man mit über 20 noch ein Instrument lernen kann, und beschließt: Das will ich auch.

Seine damalige Freundin leiht ihm 900 Mark, davon kauft er sich sein erstes Instrument und probiert es im Proberaum aus. „Da kam die Saxofonistin von Amadys Band vorbei. Die hat gelacht und mir gesagt, dass ich das Mundstück verkehrt rum draufhatte.“ Zufälligerweise lebt in derselben Straße auch Karl-Heinz Zuschlag – der gibt Oßwald Unterricht. „Das ging dann unglaublich schnell, dass ich viel Zeit mit dem Instrument verbracht habe. Da hatte ich schon heimliche Phantasien: Wenn ich das mit 30 noch mache, dann mache ich das auch beruflich.“

Es folgen Workshops bei Wollie Kaiser und die ersten Bands: Global Visions mit Kone oder das Saxofon-Quartett Reedrunners. Das Geographie-Studium schmeißt Oßwald irgendwann, jobbt lieber und übt, übt, übt. Was allerdings nicht funktioniert, ist ein Saxofon-Studium am Luxemburger Konservatorium: „Da ging das schon wieder los mit institutionellem Kram, das hat bei mir nie funktioniert“.

In den Neunzigerjahren arbeitet Oßwald als Theker im St. Ingberter Café K. Dieser Umstand läutet eine neue Phase seiner Künstlerkarriere ein, und zwar die des Kultur-Organisators. Das Café K spielt nämlich eine Rolle bei den Anfängen des Internationalen Jazzfestivals St. Ingbert. „Jörg ‚Hacker‘ Jacob hat das Festival gegründet, Clemens Bott und Franz „Kimbel“ Zimmer haben das übernommen, die haben mich dann gefragt, ob ich mitmache.“

Von 1994 bis 1998 arbeitet Oßwald im Festival-Team, unter seiner Ägide kommen Weltstars wie John Lurie, Don Cherry oder Ginger Baker nach St. Ingbert. Ende der Neunzigerjahre erleidet Oßwald einen epileptischen Krampfanfall, in Zuge dessen er nicht mehr Auto fahren darf. „Ich war dann arbeitslos gemeldet, habe mir aber während der Zeit Strukturen aufgebaut, um professioneller Musiker zu werden.“

Er fängt an Unterricht zu geben, arbeitet in der Organisation des Festivals „Sommernachtstrauma“ mit und engagiert sich bei dem Verein Ini-Art. „Es gab und gibt Durststrecken nahe der Armutsgrenze, aber ich lebe mein Leben und meine Leidenschaft.“ In der freien Szene der Landeshauptstadt ist er nun fest etabliert, spielt neben all den Saxofonen auch die Bassklarinette.

Vor zwölf Jahren wird Oßwald Vater, der Sohn spielt mittlerweile E-Gitarre („er steht auf Heavy Metal und Grunge, Nirvana, Black Sabbath, Metallica, Rage Against the Machine und solche Sachen“). Das Vater-Sein ist dem Profimusiker sehr wichtig, „da kann ich nicht ständig unterwegs sein“. Er engagiert sich mittlerweile im neu gegründeten Freejazz-Verein Saar, der von Stefan Winkler geleitet wird. Sein alter Mitstreiter Franz Zimmer ist dort auch wieder mit von der Partie.

Außerdem gründet Oßwald im letzten Jahr das FreeJazzSaar Orchester mit 16 Musikern aus der Region. Dieses sollte in diesem Jahr eigentlich sein Debüt geben – das muss wegen Corona jetzt bis 2021 warten. Ihn selbst betrifft die Pandemie finanziell, auch wegen der staatlichen Hilfen, nicht so sehr: „Der Wegfall von Auftritten und der Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen ohne ständige Vorsichtsmaßnahmen schmerzt. Den Unterricht konnte ich aber weitestgehend weitermachen. Zeitweilig online, was nie eine Dauerlösung sein kann. Schließlich geht es ja auch um das gemeinsame Musizieren.“

Allerdings sieht er die Durststrecke im Konzertbereich erst noch kommen: „Viele Veranstalter und Vereine, die Clubs betreiben, werden die Krise nicht überstehen können und Strukturen zerstört sein. Da muss wieder viel Aufbauarbeit geleistet werden von der freien Szene.“